Roscoff

Ich reise noch nicht. Dies möchte ich diesem Artikel voranstellen. Als ich gestern über die nähere Zukunft nachdachte, und spekulierte, wann ich wohl die Radreise auf dem Atlantik-Radweg beginnen werde, standen drei Termine auf dem Kalender:

  • Mitte August bis Ende September 2017
  • Oktober 2017
  • Irgendwann 2018

Je ferner der Zeitpunkt, desto unschärfer. In der zurückliegenden, live gebloggten Fahrrad-Expedition rund um Rheinland-Pfalz habe ich erstmals eine gründliche Vorabrecherche betrieben, steckte die Tagesetappen – für meine Verhältnisse – sehr genau ab und schaute mir auf Wikipedia an, was mich am Rande der geplanten Route an Sehenswertem erwartet. Die Recherche führte dazu, dass ich mir ein Roadbook zusammenstellte. Wikipedia hat nämlich eine praktische Funktion, mit der man sich eine Serie von Artikeln zu einem einzigen PDF generieren lassen kann. Die Funktion „Buchgenerator“ findet sich bei Wikipedias Desktop-Version in der linken Spalte unter ‚Drucken/exportieren‘. Man kann das selbst gestaltete Buch ausdrucken und offline darin schmökern. Das Buch #UmsLand war 163 Seiten dick und führte von A wie Ahrweiler bis Z wie Zweibrücken, garniert mit Ausflügen zu vielen Sehenswürdigkeiten und Naturwundern meines Heimatlandes, gekrönt von einem Exkurs in die Heraldik und noch einigen Skurilitäten.

Ich stellte fest: Der Weg ist nie gerade und er hält immer Umwege vor.

Und nun zum Atlantik-Radweg: Kurz und knapp würde man sagen, die Vélodyssée beginnt in Roscoff , führt über Nantes und Bordeaux nach Hendaye im Baskenland. Punkt. Aus. So einfach. 1200 Kilometer Radweg, laut Vélodyssée-Webseite gut ausgebaut und auf ruhigen Strecken, zehn zwölf Tagesetappen, viel Meer und Fischgeruch.

Wer aber meine bisherigen Livereisen kennt, weiß, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist, weiß, dass viele, oft per Zufall und dem Moment geschuldete Details das große Ganze ergänzen, dass mit jedem Tritt in die Pedale mehr Speck ans Gerippe kommt und dass sich verschiedene Ebenen in die nüchterne Reiseerzählung einschleichen, diese ergänzen und das Gesamtpaket Liveradreise zu einem literarisch-künstlerisch-improvisierten Mitreiseerlebnis machen.

Roscoff, gesehen durch die Wikibrille

Roscoff also. Das nördliche Ende der Vélodyssée. Fährhafen. Ich frage Wikipedia und erfahre, der Ort hat nur knapp 3500 Einwohner, liegt in der Bretagne am westlichsten Zipfel Frankreichs. Département Finisterre. Das Ende der Welt. Mein Asterix-Hirn meint sich zu erinnern, dass unweit das kleine, gallische Dorf in einer Comic-Landkarte verzeichnet ist, dessen Einwohner einst den Römern so viel Widerstand geleistet haben. Aber vielleicht irre ich und Asterix‘ Dorf liegt einen Zipfel weiter nördlich in der Normandie?

Mehrere Fährlinien legen im Hafen von Roscoff an. Ich meine, eine davon verkehrt sogar nach Irland? Sie sehen, kaum Wiki gelesen, schon verschwimmt die Information. Das Leben ist eine Übereinanderschichtung verschiedener Unschärfelinsen. Egal, im Wikipedia-Artikel sind zwei bedeutende Bauwerke gelistet, eine Meeresforschungsanstalt mit Aquarium und auf den wenigen Bildern des Artikels kann man den großen Tidenhub im Hafen ahnen. Eigens konstruierte, hunderte Meter lange Landungsbrücken führen weit ins Meer, damit die Fähren bei jedem Wasserstand anlegen können.

Schnittpunkt zweier Eurovelo-Radrouten

Für mich als Radler interessant ist, dass sich zwei Eurovelo-Routen in Roscoff treffen. Die Nummer Vier, von Krakau ost-west verlaufend, trifft auf die Eins, die dem Atlantik von Nordkap bis Portugal folgt. Da pocht das Radreisenden-Herz.

Die Regionalgliederungskarte verführt mich, den Artikel zu verlassen und Frankreichs Regionen zu erkunden. Es sind nur 13 Regionen in der Karte verzeichnet und ich meine mich zu erinnern, dass es früher mehr waren – ja, genau, richtig, 2016 gab es eine Gebietsreform, in der aus den 22 Regionen auf dem Festland 13 gemacht wurden.

Beginn einer wunderbaren Meta-Reise durch die Wikiwelt?

Halt, halt, halt, bin ich denn verrückt, was soll dieser Exkurs? Nunja, ich habe es ja schon erwähnt, dass ich dieses ’neue‘ Element meines Livereisens kürzlich ausprobierte. Reisen mit dem Finger auf der Landkarte, nannte man das früher. Reisen mit dem Auge im Wiki. Die Zeit bis ich tatsächlich losradele werde ich recherchierend verbringen und in unregelmäßiger Folge hier in diesem Blog über das Bevorstehende berichten. Mal schauen, wie sich das neue Element meines Langzeit-Experiments Liveblog entwickelt.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja:   Insbesondere im Norden und Süden Frankreichs wurden einige Regionen zusammengefasst. Normandie und Bretagne jedoch sind erhalten geblieben. Diese Sturköpfe! Die Bretagne besteht aus vier Départements, sehe ich auf der Karte. Eine weitere Zergliederung des Regionenkörpers bis hinunter auf Gemeindegröße – ähm, ich meine, darüber etwas zu lesen, nicht dass Sie jetzt denken, ich würde diese Zergliederung vornehmen – erspare ich mir. Es reicht, dass ich über Roscoff und die umliegende Gegend weiß, dass es sich um die Bretagne  handelt.  Der Rest ergibt sich dann vor Ort.

Sicher tun sich während der Livereise neue besondere Bauwerke in Roscoff für mich (und die geneigten Leser des Blogs) auf, von denen in Wikipedia nicht zu lesen ist. Vermutlich werde ich schöne Bilder posten und ein ganz anderes Bild der eher kühl wirkenden, meeresrobusten, schroffen Hafenstadt zeichnen. Wir werden es sehen.

In der Kategorie Metatexte finden Sie alle vorab geschriebenen Texte zum Atlantikradweg Vélodyssée vereint.

Und falls Sie, liebe Lesenden, Tipps für mich haben, nur her damit.

Wann es losgeht

Die Radlantic-Idee, per Fahrrad livebloggend auf dem Atlantikradweg, wird voraussichtlich zwischen April und September 2017 realisiert.

Die Radreise wird etwa vier bis sechs Wochen dauern.

Im Blog radlantic.de sammele ich die täglich frisch gebloggten Reiseberichte.

Radlantic.de ist mein fünftes Buch, das in Blogform veröffentlicht wird – nach ‚Europenner‘ und ‚Flussnoten‘ schon das dritte, für das ich eine eigene Domain registriert habe.