Was ist das Leben anderes als ein Warten zwischen Momenten, in denen Warten nicht möglich ist? | #radlantix

21. April. Ein Tag im Zelt. Mit PANIC.

Welches ist eigentlich der bedeutendste Tag im Zelt, den ich je verbracht habe? Turmuhren ringsum schlagen schon zwölf, als ich am gestrigen Tag endlich in die Gänge komme. Packen oder nicht packen? Packen und losradeln oder nicht packen und nicht losradeln? Kipppunkte des Vorankommens, die – im Nachhinein – oft so faszinierend sind.

Island 1992. Ein Campingplatz in kargem Land. Ein Sturm. Eine Art Aufenthaltshütte … nein, das war gar kein Tag im Zelt. Es war ein Tag in der Aufenthaltsspelunke des Campingplatzes, lungernd, dem Sturm zuhörend. Immer wenn jemand die Hütte verließ oder betrat, musste jemand anderes ihm zu Hilfe kommen, um die Türe wieder zu schließen, weil der Sturm so sehr daran zerrte. Ein Tag mit bangem Blick aufs Zelt, das im Sturm dahinzauste, während man in der Hütte zwischen klappernden Brettern, eingehüllt in die Schlafsäcke, auf einem wilden Mix an Sperrmüllstühlen neben Sperrmülltischen kollektiv wartete, bis die Luftdruckgebiete für Ausgleich gesorgt hatten. Kein so starker Sturm, beteuerte der Platzwart, aber es sei kein Fehler, ihn hier drinnen abzuwarten. Unser Zelt war eines der Wenigen, das von der Zerstörung verschont blieb, obschon das Alugestänge etwas verbogen war.

Baskenland. Jetzt. Da es kontinuierlich nieselt, habe ich keine Eile, das Zelt zusammen zu packen, koche Kaffee, liege im Schlafsack, toaste Baguette. Immer wenn der Trangia im Vorzelt brutzelt, wird es in dem kleinen stoffenen Alkoven brutal heiß, Schwitzhüttenflair, und die Zeltplane trocknet von Innen, während sie von Außen benetzt wird. Ich krame das Buch heraus, das ich im Hotel in Escatron hatte mitgehen lassen: ‚PANIC‘. Von Marc T. Sullivan. Untertitel: ‚Der Schuss. Das Blut. Der Tod.‘

Plötzlich, eine ganz andere Welt. Mit der Ich-erzählenden Protagonistin sitze ich in einem kleinen Wasserflugzeug über den Wäldern Nordamerikas. Hightech-Jagdklamotten am Leib, und einen Sack mit Langwaffen dabei und noch ein paar andere Menschen, die sich für teuer Geld eingemietet haben für ein zwei Wochen, um weit draußen, ausgesetzt und abgeschnitten von der Zivilisation auf die Pirsch nach Hirschen zu gehen. DEN Soundsovielender zu schießen ist mein Ziel. Es soll aber alles ganz anders kommen, verspricht das Buch.

Wenn du im Zelt sitzt, trennt dich nur das Gewebe der Zeltplane von der Außenwelt, aber es ist möglich, auf den zwei, drei Quadratmetern, in der kaum einen Meter hohen Kuppel liegend, einen ganzen Tag zu verbringen, mehr noch, die zerrende, nieselberegnende Welt da draußen auszublenden, gar sie gänzlich zu vergessen und in die Welt eines Buches einzutauchen.

Der Tag am Loire-Stausee von Villerest, ebenso vernieselt wie dieser: War das mein ultimativer, prägendster Tag im Zelt? Ich weiß noch, das Zelt stand unter einer jungen Eiche und ich las ein Buch. Jack Kerouacs ‚Unterwegs‘? Erich Fromms ‚Haben und Sein‘? Beides im Wechsel? Da ich mich nicht mehr erinnere, was im Innern des Zelts im Jahr 2000 passierte, was ich las, wohin ich abtauchte, welche innere Welt ich im Tausch gegen die scheinbar so gruselige äußere Welt jenseits der Zeltplane installierte, kann es eigentlich nicht der ultimative, prägendste Tag im Zelt gewesen sein, den ich in meiner Europenner-Karriere je verbracht hatte.

Williamstown Harbour vielleicht? Irland 1996. Zusammen mit Freund QQlka? Es wollte und wollte nicht aufhören zu regnen und wir lungerten in seinem ziemlich komfortablen großen Zelt für zwei bis drei Personen. Kaffee, Cheddarkäse, Marmeladentoast und der ‚Dritte Polizist‘ von Flann O’Brian, den wir uns gegenseitig vorlasen. Köstlich. Der Tag verging unterm Plätschern und dem ab und zuen Murmeln von Anglern, die in der Nähe unter riesigen Camouflage-Schirmen die Ruten auswarfen, um SOLCHE Fische zu fangen.

Fast wie in Panic. Es ist die Jagd. Das Abenteuer. Das Vorankommen. Allesamt forsche Tätigkeiten, die im Gegenpol mit den eher passiven, zur Untätigkeit verdammenden Tätigkeiten rangeln. Oder tanzen?

Was ist das Leben anderes als ein Warten zwischen Momenten, in denen Warten nicht möglich ist und beides steht gleichwertig nebeneinander wie die Realitäten diesseits und jenseits deiner Zeltplane! Es gibt kein absolutes So-ist-es-richtig. Ja, so vermute ich, oft ist es auch das Gegenteil dessen, was man für richtig und gerade an der Zeit seiende, zu durchleben hält, das richtig ist. Ein in sich geschlossenes System aus Gegenpolen, die einander erst ermöglichen. Ohne den Aufenthalt im Zelt für eine unbestimmte Zeit, gibt es kein Weiterradeln, wird mir klar.

Vier Uhr. Die umliegenden Kirchturmuhren lullen mich in ihren Kanon. Wie sehr habe ich dieses typisch französische Turmuhrschlagen vermisst. Immer zwei Mal zur vollen Stunde sagen die Turmuhren dir die Zeit. Holen dich raus aus deiner Traumwelt jenseits der Zeltplane.

Welches der nachhaltigste Tag im Zelt war? Rein literarisch? Hamsuns Hunger wäre noch zu nennen, gelesen zwar nicht im Zelt, aber in einer unendlich schäbigen Bruchbude in Santiago de Teneriffa, einen Tag Sturm abwartend.

Panic im Hier und Jetzt des Baskenlands gibt nicht allzuviel her. Es ist ein leichtköstiger Roman, aber er liest sich ganz gut. Ich bin trotzdem froh, dass ich ihn im Hotel in Escatron habe mitgehen lassen. Sonst säße ich vermutlich jetzt im Sattel irgendwo regenradelnd, von Wind und Salz durchdrungen.

Was im Prinzip auch nicht schlecht wäre.

Und die Antwort auf die Frage nach dem bedeutendsten Tag, den man im Zelt verbringt? Es ist immer der Jetzige!

Doktor Irgend oder wie ich lernte das X hinter Konsonanten zxu lieben | #zwand20 #radlantix

Manchmal wäre ich ja gerne der kleine Zauberkünstler, der einen Blogartikel nach dem anderen ganz hasengleich aus seinem Hut zaubert. Einfach immer so weiter machen. Reisen und bloggen und reisen und bloggen und reisen und bloggen … bis zum Sankt Nimmerleinstag. Den Rhythmus halten und eine ausgewogene Mischung zwischen körperlicher Aktivität und geistiger Anstrengung – das täglich erlebte in Worte zu fassen – das wäre meine Kunst. Das wäre der große Trick, mit dem ich die Zuschauenden verblüffen würde. Spielt keine Rolle, ob sich ein doppelter Boden in dem Hut befindet oder ob mein Kaninchen, das ich an den Ohren heraus ziehe echt ist oder nicht. Es reicht, es zu zeigen, zu ‚ver’zaubern sprichwörtlich.

Die Illusion zu erschaffen ist manchmal nur eine Frage der Disziplin. Wenn man es versteht, die Beobachtenden daran zu hindern, Fragen zu stellen und ihnen einfach nur eine Freude bereitet in trister Umgebung, hat man das Ziel des Verzauberns schon fast erreicht.
So liege ich morgens im Zelt am gestrigen Tag 35 der Reise von Zweibrücken nach Andorra und darüber hinaus. Die Luft schmeckt salzig. Erstmals seit Reisebeginn dimmelt Niesel aufs Zeltdach, lullt mich das Geräusch des Regens wieder und wieder ein und es schlägt sechs Uhr. Auf einem der Nachbarhöfe kräht ein Hahn und ich dämmere wieder weg und es wird sieben Uhr. Erneute Realitätsfetzen. Reißverschluss am Schlafsack auf. Ein milder Morgen. Wind zerrt an der Zeltplane. Der Atlantik ist nah. Der Atlantik ist wunderbar. Das Klima ist endlich wie ich es gerne habe. Kühl und feucht und nicht zu kühl und nicht zu feucht. Ich dämmere wieder weg und die Turmuhr der Kirche querab schlägt neun und fünf Minuten später schlägt sie noch einmal neun, wie üblich in Frankreich. Aber bin ich tatsächlich in Frankreich? Oder ist das Baskenland, diesseits und jenseits der scheinbar willkürlich gezogenen Grenze zwischen Spanien und Frankreich sein eigener Mikrokosmos, sein eigener Staat? Ja, schon. Die Sprache ist anders. Sehr anders. Alle Ortsschilder sind zweisprachig angeschrieben.

Die baskische Sprache ist außergewöhnlich. Man bezeichnet sie als eine isolierte Sprache. Sie hat keine Verwandtschaft mit auch nur irgend einer anderen Sprache weit und breit. Meine latenten Lateinkenntnisse, die es mir bisher ermöglichten, in Frankreich, Katalanien, Aragón und Navarra mich irgendwie radebrechend durchzuschlagen, laufen hier ins Nichts. Wenn ein Mensch sich nicht erbarmt, mit mir englisch, französisch oder notfalls auch spanisch zu reden, gibt es keine Verständigung. Nie war ich fremder. Die meisten Basken leben im spanischen Teil, südlich der Pyrenäen, aber auch hier, nördlich des Col d’Ibradin sprechen etwa 50.000 Menschen baskisch. Man lebt es auf Plakaten und offiziellen Schildern (klar, auch hier herrscht der Krieg wie an der Grenze zwischen Katalanien und Aragonien. Man streicht die jeweils fremde Sprache per Kraft von Spraydosen durch, die Gewalt des Graffities und schreibt das jeweilige Wort auf französisch – oder umgekehrt, man ixt das Französische und sprayt trotzig das baskische Wort; je nachdem).

Morgenkaffee und Cleansweep im Zelt. Ich habe alle Packtaschen ausgeräumt und sehe nach den Lebensmitteln. Inventur. Eine verdorbene Zwiebel kommt in die Mülltüte, die man mir an der Rezeption gegeben hat. Gibt es hier etwa ein ähnliches Entsorgungskonzept wie in der Schweiz? Bedruckte, offizielle Tüten, die man in den Container werfen muss und wenn eine falsche Tüte darinnen ist, wird sie herausgeklaubt und, mit einem kommentierenden Zettel versehen, daneben gestellt? Entsorge deinen Müll ordnungsgemäß, Greenhorn? Ich werde es nicht erfahren, denn der Aufdruck ist baskisch. Mit vielen hintereinander geschriebenen X und Z usw. Vielleicht ist es einfach nur Werbung für einen Zaubereibedarfshandel. Jedenfalls ist ein Hase und ein Zylinderhut neben dem Text abgebildet.

Zehn Uhr. Kaffee Nummer drei kocht. Ich werde heute hier bleiben, habe ich beschlossen. Zweibrücken-Andorra mit seinem Kriegsanhängsel den Flüssen folgend via Belchíte und die Strecke der tausend Tunnel auf der Via Verde del Plazaola bis hierher erkläre ich nun offiziell als beendet. Der Wurmfortsatz der feinen Künste. Gut sechshundert Kilometer durch wüste, karge Gegenden, auf den Spuren antiker Bewässerungssysteme unter den wuchtigen Mauern alter Castillo-Ruinen und neuzeitlicher Forts mündeten auf der kleinen Fähre über die Bucht von Chingoudy retour à la France. Nein, nein, nein, schreibs baskisch: Txingudy, nicht Chingoudy.
Doktor Irgend oder wie ich lernte das X hinter Konsonanten zxu lieben.

Schlag zehn, schlag elf, schlag zwölf. Die Zeit vergeht schreibend am Artikel des vorgestrigen Tags, des letzten Tags ‚Zwand20‘ (Link einfügen).

Nach zahlreichen Kaffee fällt mir die Zeltplane auf den Kopf und ich schwinge mich aufs (erstmals seit sieben Wochen) unbepackte Radel. Wow. Gakelig. Alles wackelt und es fährt sich gar nicht mal so viel leichter wie mit Gepäck. Es gibt aber auch keine Wuchtmasse, die die Impulse kontrollieren würde. Über die D 4 und die D 404 radele ich bergauf, nicht sehr steil, aber in einem stetigen Strom von Kleinwagen und Motorrädern, nur knapp 20 Kilometer zurück bis zur Grenze. Ich weiß nicht, was mich geritten hat. Vielleicht, um einen würdigen Pyrenäenabschluss zu finden, denn die schaukelige Tour mit der kleinen Touristenbarke über die Bucht schien mir doch ein bisschen eine Mogelpackung. Ich meine, es ist ja kaum zwei Wochen her, dass ich mir auf der 2400 Meter hohen Porte d’Envalira das volle Programm der Pyrenäenüberquerung gegeben hatte, japsend nach Sauerstoff in luftigem Gebirg. Da sollte es doch auf dem Weg zurück mindestens dieser kleine – ja, was ist das? – ein Dreihunderter sein. Vier Kilometer klettern. Nur ein Zehntel der Strecke ab Ax nach Pas de la Casa, ha! Keine Sechs Prozent Steigung. Am Grenzübergang zu Spanien ist die Passhöhe bei 317 Metern erreicht. Der erhoffte Blick auf den Atlantik bleibt mir leider verwehrt. Zu viele Wolken und ich bin mir auch nicht sicher, ob es überhaupt möglich ist, vom Col d’Ibardin den Atlantik zu sehen. Berge mit seltsam klingenden Namen wie der Xoldoko gaina und der Oneaga und der Mokoa schieben sich vor die Kulisse. Die hängt in fetten trüben Regenwolken.

Und das Dorf hier oben am Pass tut sein Übriges, um den Atlantikbetrachtungswilligen von seinem Vorhaben abzulenken: Im Prinzip handelt es sich beim Col d’Ibardin um eine Sackgasse, die genau auf der Grenze abzweigt von der Passstraße zwischen Neu Aquetanien (Frankreich) und Navarra (Spanien). Daran reihen sich wie die Noppen eines Reißverschlusses zahlreiche Geschäfte, sogenannte Ventas. also irgendwie eine Art Niemandsland der Zollfreiheit. Dementsprechend ist das Angebot auf ein ganz spezielles Touristenklientel zugeschnitten. Tabak, Kaffee, Luxuszeugs usw. Nichts was man essen könnte oder was der normale, tourenradelnde Europenner, moi même, brauchen könnte. Es ist nicht so einfach, eine Zwiebel zu kaufen am Col d’Ibardin, einen Apfel oder eine Flasche Milch. Die Läden auf der einen Straßenseite werden flankiert von Restaurants und Imbisbuden, Tapasbars und einem riesigen Parkplatz auf der anderen Seite der Grenze. Wobei sich kaum erschließt, welches Haus nach Frankreich gehört und welches nach Spanien. Die Straßenmitte scheint mir jedenfalls nicht unbedingt die Grenze zu sein. Gut möglich, dass die mitten durch ein Regal voller stangenweise Zigaretten läuft. Oder im Zick Zack. Vielleicht handelt es sich beim Phänomen des Col d’Ibardin auch um einen gigantischen, konsumatorischen Reißverschluss. The Great Baskian Zip?

Ich weiß es nicht. Fasziniert beobachte ich das Ein und Aus der Kauftouristen, die sich von beiderseits der Grenze hier heraufbewegen per Auto oder Motorrad, sich grüppchenweise in die Läden ergießen, mit Tüten voller Zeugs herauskommen, die Kofferräume beladen, in die Bars und Tapasbuden strömen. Wie Wurstmasse in gigantischer Fabrik und abends, in Folie gepresst zurückehren in ihre Heimatorte.

Ich kaufe nichts dergleichen. Ich brauche nichts von alldem. Die Inventur im Zelt hatte ergeben, dass das Abendessen gesichert ist mit einem einfachen Reiseessen, Zucchini, Zwiebel, Tomate an Couscous und zum Nachtisch eine halbe Flasche Wein und ein Stück Luftschokolade.

Nach einem letzten Blick gen Süden nehme ich Abschied von Spanien und von den Pyrenäen, lasse das Radel abwärts rauschen. Kaum einer überholt mich, so schnell geht es durch die kurvenreiche Strecke. So erreiche ich den Campingplatz gerade als die ersten Tropfen des vorhergesagten Dauerregens niedergehen, krieche ins Zelt, die Zona de Descanza des kleinen Mannes, und lasse die letzten sieben Reisewochen in den Träumen der Nacht versickern.

Die Tour ist tot. Es lebe die Tour. #zwand20 geht. #radlantix kommt.

Einquartiert auf dem Campingplatz Aire-Ona. Fehlende Links in diesem Artikel werden noch gesetzt, sobald die betreffenden Artikel fertig sind.

Roscoff

Ich reise noch nicht. Dies möchte ich diesem Artikel voranstellen. Als ich gestern über die nähere Zukunft nachdachte, und spekulierte, wann ich wohl die Radreise auf dem Atlantik-Radweg beginnen werde, standen drei Termine auf dem Kalender:

  • Mitte August bis Ende September 2017
  • Oktober 2017
  • Irgendwann 2018
  • 2019
  • 2020

Je ferner der Zeitpunkt, desto unschärfer. In der zurückliegenden, live gebloggten Fahrrad-Expedition rund um Rheinland-Pfalz habe ich erstmals eine gründliche Vorabrecherche betrieben, steckte die Tagesetappen – für meine Verhältnisse – sehr genau ab und schaute mir auf Wikipedia an, was mich am Rande der geplanten Route an Sehenswertem erwartet. Die Recherche führte dazu, dass ich mir ein Roadbook zusammenstellte. Wikipedia hat nämlich eine praktische Funktion, mit der man sich eine Serie von Artikeln zu einem einzigen PDF generieren lassen kann. Die Funktion „Buchgenerator“ findet sich bei Wikipedias Desktop-Version in der linken Spalte unter ‚Drucken/exportieren‘. Man kann das selbst gestaltete Buch ausdrucken und offline darin schmökern. Das Buch #UmsLand war 163 Seiten dick und führte von A wie Ahrweiler bis Z wie Zweibrücken, garniert mit Ausflügen zu vielen Sehenswürdigkeiten und Naturwundern meines Heimatlandes, gekrönt von einem Exkurs in die Heraldik und noch einigen Skurilitäten.

Ich stellte fest: Der Weg ist nie gerade und er hält immer Umwege vor.

Und nun zum Atlantik-Radweg: Kurz und knapp würde man sagen, die Vélodyssée beginnt in Roscoff , führt über Nantes und Bordeaux nach Hendaye im Baskenland. Punkt. Aus. So einfach. 1200 Kilometer Radweg, laut Vélodyssée-Webseite gut ausgebaut und auf ruhigen Strecken, zehn zwölf Tagesetappen, viel Meer und Fischgeruch.

Wer aber meine bisherigen Livereisen kennt, weiß, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist, weiß, dass viele, oft per Zufall und dem Moment geschuldete Details das große Ganze ergänzen, dass mit jedem Tritt in die Pedale mehr Speck ans Gerippe kommt und dass sich verschiedene Ebenen in die nüchterne Reiseerzählung einschleichen, diese ergänzen und das Gesamtpaket Liveradreise zu einem literarisch-künstlerisch-improvisierten Mitreiseerlebnis machen.

Roscoff, gesehen durch die Wikibrille

Roscoff also. Das nördliche Ende der Vélodyssée. Fährhafen. Ich frage Wikipedia und erfahre, der Ort hat nur knapp 3500 Einwohner, liegt in der Bretagne am westlichsten Zipfel Frankreichs. Département Finisterre. Das Ende der Welt. Mein Asterix-Hirn meint sich zu erinnern, dass unweit das kleine, gallische Dorf in einer Comic-Landkarte verzeichnet ist, dessen Einwohner einst den Römern so viel Widerstand geleistet haben. Aber vielleicht irre ich und Asterix‘ Dorf liegt einen Zipfel weiter nördlich in der Normandie?

Mehrere Fährlinien legen im Hafen von Roscoff an. Ich meine, eine davon verkehrt sogar nach Irland? Sie sehen, kaum Wiki gelesen, schon verschwimmt die Information. Das Leben ist eine Übereinanderschichtung verschiedener Unschärfelinsen. Egal, im Wikipedia-Artikel sind zwei bedeutende Bauwerke gelistet, eine Meeresforschungsanstalt mit Aquarium und auf den wenigen Bildern des Artikels kann man den großen Tidenhub im Hafen ahnen. Eigens konstruierte, hunderte Meter lange Landungsbrücken führen weit ins Meer, damit die Fähren bei jedem Wasserstand anlegen können.

Schnittpunkt zweier Eurovelo-Radrouten

Für mich als Radler interessant ist, dass sich zwei Eurovelo-Routen in Roscoff treffen. Die Nummer Vier, von Krakau ost-west verlaufend, trifft auf die Eins, die dem Atlantik von Nordkap bis Portugal folgt. Da pocht das Radreisenden-Herz.

Die Regionalgliederungskarte verführt mich, den Artikel zu verlassen und Frankreichs Regionen zu erkunden. Es sind nur 13 Regionen in der Karte verzeichnet und ich meine mich zu erinnern, dass es früher mehr waren – ja, genau, richtig, 2016 gab es eine Gebietsreform, in der aus den 22 Regionen auf dem Festland 13 gemacht wurden.

Beginn einer wunderbaren Meta-Reise durch die Wikiwelt?

Halt, halt, halt, bin ich denn verrückt, was soll dieser Exkurs? Nunja, ich habe es ja schon erwähnt, dass ich dieses ’neue‘ Element meines Livereisens kürzlich ausprobierte. Reisen mit dem Finger auf der Landkarte, nannte man das früher. Reisen mit dem Auge im Wiki. Die Zeit bis ich tatsächlich losradele werde ich recherchierend verbringen und in unregelmäßiger Folge hier in diesem Blog über das Bevorstehende berichten. Mal schauen, wie sich das neue Element meines Langzeit-Experiments Liveblog entwickelt.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja:   Insbesondere im Norden und Süden Frankreichs wurden einige Regionen zusammengefasst. Normandie und Bretagne jedoch sind erhalten geblieben. Diese Sturköpfe! Die Bretagne besteht aus vier Départements, sehe ich auf der Karte. Eine weitere Zergliederung des Regionenkörpers bis hinunter auf Gemeindegröße – ähm, ich meine, darüber etwas zu lesen, nicht dass Sie jetzt denken, ich würde diese Zergliederung vornehmen – erspare ich mir. Es reicht, dass ich über Roscoff und die umliegende Gegend weiß, dass es sich um die Bretagne  handelt.  Der Rest ergibt sich dann vor Ort.

Sicher tun sich während der Livereise neue besondere Bauwerke in Roscoff für mich (und die geneigten Leser des Blogs) auf, von denen in Wikipedia nicht zu lesen ist. Vermutlich werde ich schöne Bilder posten und ein ganz anderes Bild der eher kühl wirkenden, meeresrobusten, schroffen Hafenstadt zeichnen. Wir werden es sehen.

In der Kategorie Metatexte finden Sie alle vorab geschriebenen Texte zum Atlantikradweg Vélodyssée vereint.

Und falls Sie, liebe Lesenden, Tipps für mich haben, nur her damit.

Wann es losgeht

Die Radlantic-Idee, per Fahrrad livebloggend auf dem Atlantikradweg, wird voraussichtlich zwischen April und September 2017 realisiert.

Die Radreise wird etwa vier bis sechs Wochen dauern.

Im Blog radlantic.de sammele ich die täglich frisch gebloggten Reiseberichte.

Radlantic.de ist mein fünftes Buch, das in Blogform veröffentlicht wird – nach ‚Europenner‘ und ‚Flussnoten‘ schon das dritte, für das ich eine eigene Domain registriert habe.