Doktor Irgend oder wie ich lernte das X hinter Konsonanten zxu lieben | #zwand20 #radlantix

Manchmal wäre ich ja gerne der kleine Zauberkünstler, der einen Blogartikel nach dem anderen ganz hasengleich aus seinem Hut zaubert. Einfach immer so weiter machen. Reisen und bloggen und reisen und bloggen und reisen und bloggen … bis zum Sankt Nimmerleinstag. Den Rhythmus halten und eine ausgewogene Mischung zwischen körperlicher Aktivität und geistiger Anstrengung – das täglich erlebte in Worte zu fassen – das wäre meine Kunst. Das wäre der große Trick, mit dem ich die Zuschauenden verblüffen würde. Spielt keine Rolle, ob sich ein doppelter Boden in dem Hut befindet oder ob mein Kaninchen, das ich an den Ohren heraus ziehe echt ist oder nicht. Es reicht, es zu zeigen, zu ‚ver’zaubern sprichwörtlich.

Die Illusion zu erschaffen ist manchmal nur eine Frage der Disziplin. Wenn man es versteht, die Beobachtenden daran zu hindern, Fragen zu stellen und ihnen einfach nur eine Freude bereitet in trister Umgebung, hat man das Ziel des Verzauberns schon fast erreicht.
So liege ich morgens im Zelt am gestrigen Tag 35 der Reise von Zweibrücken nach Andorra und darüber hinaus. Die Luft schmeckt salzig. Erstmals seit Reisebeginn dimmelt Niesel aufs Zeltdach, lullt mich das Geräusch des Regens wieder und wieder ein und es schlägt sechs Uhr. Auf einem der Nachbarhöfe kräht ein Hahn und ich dämmere wieder weg und es wird sieben Uhr. Erneute Realitätsfetzen. Reißverschluss am Schlafsack auf. Ein milder Morgen. Wind zerrt an der Zeltplane. Der Atlantik ist nah. Der Atlantik ist wunderbar. Das Klima ist endlich wie ich es gerne habe. Kühl und feucht und nicht zu kühl und nicht zu feucht. Ich dämmere wieder weg und die Turmuhr der Kirche querab schlägt neun und fünf Minuten später schlägt sie noch einmal neun, wie üblich in Frankreich. Aber bin ich tatsächlich in Frankreich? Oder ist das Baskenland, diesseits und jenseits der scheinbar willkürlich gezogenen Grenze zwischen Spanien und Frankreich sein eigener Mikrokosmos, sein eigener Staat? Ja, schon. Die Sprache ist anders. Sehr anders. Alle Ortsschilder sind zweisprachig angeschrieben.

Die baskische Sprache ist außergewöhnlich. Man bezeichnet sie als eine isolierte Sprache. Sie hat keine Verwandtschaft mit auch nur irgend einer anderen Sprache weit und breit. Meine latenten Lateinkenntnisse, die es mir bisher ermöglichten, in Frankreich, Katalanien, Aragón und Navarra mich irgendwie radebrechend durchzuschlagen, laufen hier ins Nichts. Wenn ein Mensch sich nicht erbarmt, mit mir englisch, französisch oder notfalls auch spanisch zu reden, gibt es keine Verständigung. Nie war ich fremder. Die meisten Basken leben im spanischen Teil, südlich der Pyrenäen, aber auch hier, nördlich des Col d’Ibradin sprechen etwa 50.000 Menschen baskisch. Man lebt es auf Plakaten und offiziellen Schildern (klar, auch hier herrscht der Krieg wie an der Grenze zwischen Katalanien und Aragonien. Man streicht die jeweils fremde Sprache per Kraft von Spraydosen durch, die Gewalt des Graffities und schreibt das jeweilige Wort auf französisch – oder umgekehrt, man ixt das Französische und sprayt trotzig das baskische Wort; je nachdem).

Morgenkaffee und Cleansweep im Zelt. Ich habe alle Packtaschen ausgeräumt und sehe nach den Lebensmitteln. Inventur. Eine verdorbene Zwiebel kommt in die Mülltüte, die man mir an der Rezeption gegeben hat. Gibt es hier etwa ein ähnliches Entsorgungskonzept wie in der Schweiz? Bedruckte, offizielle Tüten, die man in den Container werfen muss und wenn eine falsche Tüte darinnen ist, wird sie herausgeklaubt und, mit einem kommentierenden Zettel versehen, daneben gestellt? Entsorge deinen Müll ordnungsgemäß, Greenhorn? Ich werde es nicht erfahren, denn der Aufdruck ist baskisch. Mit vielen hintereinander geschriebenen X und Z usw. Vielleicht ist es einfach nur Werbung für einen Zaubereibedarfshandel. Jedenfalls ist ein Hase und ein Zylinderhut neben dem Text abgebildet.

Zehn Uhr. Kaffee Nummer drei kocht. Ich werde heute hier bleiben, habe ich beschlossen. Zweibrücken-Andorra mit seinem Kriegsanhängsel den Flüssen folgend via Belchíte und die Strecke der tausend Tunnel auf der Via Verde del Plazaola bis hierher erkläre ich nun offiziell als beendet. Der Wurmfortsatz der feinen Künste. Gut sechshundert Kilometer durch wüste, karge Gegenden, auf den Spuren antiker Bewässerungssysteme unter den wuchtigen Mauern alter Castillo-Ruinen und neuzeitlicher Forts mündeten auf der kleinen Fähre über die Bucht von Chingoudy retour à la France. Nein, nein, nein, schreibs baskisch: Txingudy, nicht Chingoudy.
Doktor Irgend oder wie ich lernte das X hinter Konsonanten zxu lieben.

Schlag zehn, schlag elf, schlag zwölf. Die Zeit vergeht schreibend am Artikel des vorgestrigen Tags, des letzten Tags ‚Zwand20‘ (Link einfügen).

Nach zahlreichen Kaffee fällt mir die Zeltplane auf den Kopf und ich schwinge mich aufs (erstmals seit sieben Wochen) unbepackte Radel. Wow. Gakelig. Alles wackelt und es fährt sich gar nicht mal so viel leichter wie mit Gepäck. Es gibt aber auch keine Wuchtmasse, die die Impulse kontrollieren würde. Über die D 4 und die D 404 radele ich bergauf, nicht sehr steil, aber in einem stetigen Strom von Kleinwagen und Motorrädern, nur knapp 20 Kilometer zurück bis zur Grenze. Ich weiß nicht, was mich geritten hat. Vielleicht, um einen würdigen Pyrenäenabschluss zu finden, denn die schaukelige Tour mit der kleinen Touristenbarke über die Bucht schien mir doch ein bisschen eine Mogelpackung. Ich meine, es ist ja kaum zwei Wochen her, dass ich mir auf der 2400 Meter hohen Porte d’Envalira das volle Programm der Pyrenäenüberquerung gegeben hatte, japsend nach Sauerstoff in luftigem Gebirg. Da sollte es doch auf dem Weg zurück mindestens dieser kleine – ja, was ist das? – ein Dreihunderter sein. Vier Kilometer klettern. Nur ein Zehntel der Strecke ab Ax nach Pas de la Casa, ha! Keine Sechs Prozent Steigung. Am Grenzübergang zu Spanien ist die Passhöhe bei 317 Metern erreicht. Der erhoffte Blick auf den Atlantik bleibt mir leider verwehrt. Zu viele Wolken und ich bin mir auch nicht sicher, ob es überhaupt möglich ist, vom Col d’Ibardin den Atlantik zu sehen. Berge mit seltsam klingenden Namen wie der Xoldoko gaina und der Oneaga und der Mokoa schieben sich vor die Kulisse. Die hängt in fetten trüben Regenwolken.

Und das Dorf hier oben am Pass tut sein Übriges, um den Atlantikbetrachtungswilligen von seinem Vorhaben abzulenken: Im Prinzip handelt es sich beim Col d’Ibardin um eine Sackgasse, die genau auf der Grenze abzweigt von der Passstraße zwischen Neu Aquetanien (Frankreich) und Navarra (Spanien). Daran reihen sich wie die Noppen eines Reißverschlusses zahlreiche Geschäfte, sogenannte Ventas. also irgendwie eine Art Niemandsland der Zollfreiheit. Dementsprechend ist das Angebot auf ein ganz spezielles Touristenklientel zugeschnitten. Tabak, Kaffee, Luxuszeugs usw. Nichts was man essen könnte oder was der normale, tourenradelnde Europenner, moi même, brauchen könnte. Es ist nicht so einfach, eine Zwiebel zu kaufen am Col d’Ibardin, einen Apfel oder eine Flasche Milch. Die Läden auf der einen Straßenseite werden flankiert von Restaurants und Imbisbuden, Tapasbars und einem riesigen Parkplatz auf der anderen Seite der Grenze. Wobei sich kaum erschließt, welches Haus nach Frankreich gehört und welches nach Spanien. Die Straßenmitte scheint mir jedenfalls nicht unbedingt die Grenze zu sein. Gut möglich, dass die mitten durch ein Regal voller stangenweise Zigaretten läuft. Oder im Zick Zack. Vielleicht handelt es sich beim Phänomen des Col d’Ibardin auch um einen gigantischen, konsumatorischen Reißverschluss. The Great Baskian Zip?

Ich weiß es nicht. Fasziniert beobachte ich das Ein und Aus der Kauftouristen, die sich von beiderseits der Grenze hier heraufbewegen per Auto oder Motorrad, sich grüppchenweise in die Läden ergießen, mit Tüten voller Zeugs herauskommen, die Kofferräume beladen, in die Bars und Tapasbuden strömen. Wie Wurstmasse in gigantischer Fabrik und abends, in Folie gepresst zurückehren in ihre Heimatorte.

Ich kaufe nichts dergleichen. Ich brauche nichts von alldem. Die Inventur im Zelt hatte ergeben, dass das Abendessen gesichert ist mit einem einfachen Reiseessen, Zucchini, Zwiebel, Tomate an Couscous und zum Nachtisch eine halbe Flasche Wein und ein Stück Luftschokolade.

Nach einem letzten Blick gen Süden nehme ich Abschied von Spanien und von den Pyrenäen, lasse das Radel abwärts rauschen. Kaum einer überholt mich, so schnell geht es durch die kurvenreiche Strecke. So erreiche ich den Campingplatz gerade als die ersten Tropfen des vorhergesagten Dauerregens niedergehen, krieche ins Zelt, die Zona de Descanza des kleinen Mannes, und lasse die letzten sieben Reisewochen in den Träumen der Nacht versickern.

Die Tour ist tot. Es lebe die Tour. #zwand20 geht. #radlantix kommt.

Einquartiert auf dem Campingplatz Aire-Ona. Fehlende Links in diesem Artikel werden noch gesetzt, sobald die betreffenden Artikel fertig sind.

Was ist das Leben anderes als ein Warten zwischen Momenten, in denen Warten nicht möglich ist? | #radlantix

21. April. Ein Tag im Zelt. Mit PANIC.

Welches ist eigentlich der bedeutendste Tag im Zelt, den ich je verbracht habe? Turmuhren ringsum schlagen schon zwölf, als ich am gestrigen Tag endlich in die Gänge komme. Packen oder nicht packen? Packen und losradeln oder nicht packen und nicht losradeln? Kipppunkte des Vorankommens, die – im Nachhinein – oft so faszinierend sind.

Island 1992. Ein Campingplatz in kargem Land. Ein Sturm. Eine Art Aufenthaltshütte … nein, das war gar kein Tag im Zelt. Es war ein Tag in der Aufenthaltsspelunke des Campingplatzes, lungernd, dem Sturm zuhörend. Immer wenn jemand die Hütte verließ oder betrat, musste jemand anderes ihm zu Hilfe kommen, um die Türe wieder zu schließen, weil der Sturm so sehr daran zerrte. Ein Tag mit bangem Blick aufs Zelt, das im Sturm dahinzauste, während man in der Hütte zwischen klappernden Brettern, eingehüllt in die Schlafsäcke, auf einem wilden Mix an Sperrmüllstühlen neben Sperrmülltischen kollektiv wartete, bis die Luftdruckgebiete für Ausgleich gesorgt hatten. Kein so starker Sturm, beteuerte der Platzwart, aber es sei kein Fehler, ihn hier drinnen abzuwarten. Unser Zelt war eines der Wenigen, das von der Zerstörung verschont blieb, obschon das Alugestänge etwas verbogen war.

Baskenland. Jetzt. Da es kontinuierlich nieselt, habe ich keine Eile, das Zelt zusammen zu packen, koche Kaffee, liege im Schlafsack, toaste Baguette. Immer wenn der Trangia im Vorzelt brutzelt, wird es in dem kleinen stoffenen Alkoven brutal heiß, Schwitzhüttenflair, und die Zeltplane trocknet von Innen, während sie von Außen benetzt wird. Ich krame das Buch heraus, das ich im Hotel in Escatron hatte mitgehen lassen: ‚PANIC‘. Von Marc T. Sullivan. Untertitel: ‚Der Schuss. Das Blut. Der Tod.‘

Plötzlich, eine ganz andere Welt. Mit der Ich-erzählenden Protagonistin sitze ich in einem kleinen Wasserflugzeug über den Wäldern Nordamerikas. Hightech-Jagdklamotten am Leib, und einen Sack mit Langwaffen dabei und noch ein paar andere Menschen, die sich für teuer Geld eingemietet haben für ein zwei Wochen, um weit draußen, ausgesetzt und abgeschnitten von der Zivilisation auf die Pirsch nach Hirschen zu gehen. DEN Soundsovielender zu schießen ist mein Ziel. Es soll aber alles ganz anders kommen, verspricht das Buch.

Wenn du im Zelt sitzt, trennt dich nur das Gewebe der Zeltplane von der Außenwelt, aber es ist möglich, auf den zwei, drei Quadratmetern, in der kaum einen Meter hohen Kuppel liegend, einen ganzen Tag zu verbringen, mehr noch, die zerrende, nieselberegnende Welt da draußen auszublenden, gar sie gänzlich zu vergessen und in die Welt eines Buches einzutauchen.

Der Tag am Loire-Stausee von Villerest, ebenso vernieselt wie dieser: War das mein ultimativer, prägendster Tag im Zelt? Ich weiß noch, das Zelt stand unter einer jungen Eiche und ich las ein Buch. Jack Kerouacs ‚Unterwegs‘? Erich Fromms ‚Haben und Sein‘? Beides im Wechsel? Da ich mich nicht mehr erinnere, was im Innern des Zelts im Jahr 2000 passierte, was ich las, wohin ich abtauchte, welche innere Welt ich im Tausch gegen die scheinbar so gruselige äußere Welt jenseits der Zeltplane installierte, kann es eigentlich nicht der ultimative, prägendste Tag im Zelt gewesen sein, den ich in meiner Europenner-Karriere je verbracht hatte.

Williamstown Harbour vielleicht? Irland 1996. Zusammen mit Freund QQlka? Es wollte und wollte nicht aufhören zu regnen und wir lungerten in seinem ziemlich komfortablen großen Zelt für zwei bis drei Personen. Kaffee, Cheddarkäse, Marmeladentoast und der ‚Dritte Polizist‘ von Flann O’Brian, den wir uns gegenseitig vorlasen. Köstlich. Der Tag verging unterm Plätschern und dem ab und zuen Murmeln von Anglern, die in der Nähe unter riesigen Camouflage-Schirmen die Ruten auswarfen, um SOLCHE Fische zu fangen.

Fast wie in Panic. Es ist die Jagd. Das Abenteuer. Das Vorankommen. Allesamt forsche Tätigkeiten, die im Gegenpol mit den eher passiven, zur Untätigkeit verdammenden Tätigkeiten rangeln. Oder tanzen?

Was ist das Leben anderes als ein Warten zwischen Momenten, in denen Warten nicht möglich ist und beides steht gleichwertig nebeneinander wie die Realitäten diesseits und jenseits deiner Zeltplane! Es gibt kein absolutes So-ist-es-richtig. Ja, so vermute ich, oft ist es auch das Gegenteil dessen, was man für richtig und gerade an der Zeit seiende, zu durchleben hält, das richtig ist. Ein in sich geschlossenes System aus Gegenpolen, die einander erst ermöglichen. Ohne den Aufenthalt im Zelt für eine unbestimmte Zeit, gibt es kein Weiterradeln, wird mir klar.

Vier Uhr. Die umliegenden Kirchturmuhren lullen mich in ihren Kanon. Wie sehr habe ich dieses typisch französische Turmuhrschlagen vermisst. Immer zwei Mal zur vollen Stunde sagen die Turmuhren dir die Zeit. Holen dich raus aus deiner Traumwelt jenseits der Zeltplane.

Welches der nachhaltigste Tag im Zelt war? Rein literarisch? Hamsuns Hunger wäre noch zu nennen, gelesen zwar nicht im Zelt, aber in einer unendlich schäbigen Bruchbude in Santiago de Teneriffa, einen Tag Sturm abwartend.

Panic im Hier und Jetzt des Baskenlands gibt nicht allzuviel her. Es ist ein leichtköstiger Roman, aber er liest sich ganz gut. Ich bin trotzdem froh, dass ich ihn im Hotel in Escatron habe mitgehen lassen. Sonst säße ich vermutlich jetzt im Sattel irgendwo regenradelnd, von Wind und Salz durchdrungen.

Was im Prinzip auch nicht schlecht wäre.

Und die Antwort auf die Frage nach dem bedeutendsten Tag, den man im Zelt verbringt? Es ist immer der Jetzige!

Im Humidor der Feinen Künste | #radlantix

Ein Humidor (lateinisch humidus ‚feucht‘), Mehrzahl Humidore, ist ein aus Holz oder anderen Materialien gefertigter Behälter, in dem Künstler gelagert werden. Die Größe von Humidoren reicht vom handlichen Reisehumidor über kleinere Kisten, Kommoden und Schränke bis zum großen, begehbaren Humidor (Klimaraum) in vollbepackten Reisefahrrädern.

Nein, ich werde mich nicht beschweren. Nicht über Regen. Nie wieder! Nach einem Telefonat mit Daheim zeichnet sich ein düsteres Bild des Gartens, ein rissiges Etwas von Erde, in dem so gut wie nichts gedeihen will. Die Regenfässer sind fast leer. Man kann von Glück reden, dass das Wasser überhaupt bis jetzt noch reicht. Ich hatte aus einem Gefühl heraus schon Mitte Januar alle Regenfässer am Hof gefüllt. Ahnend, dass der Frost in diesem Winter ausbleiben würde und somit auch keine Gefahr bestünde, dass das Wasser einfriert.

Die scheinbar so ergiebigen Regenfälle im Januar und Februar waren allerdings nicht so ergiebig wie erhofft, beziehungsweise, sie reichten nicht aus, um die seit zwei drei Jahren sich einschleichende Dürre in der Westpfalz auszugleichen. Im Februar hatte sich unterhalb des Gartens am einsamen Gehöft ein kleiner See in einer Mulde gebildet, was Hoffnung machte. Über Tage rann ein kleiner Bach aus dem Einzugsgebiet, dem etwa zwei Hektar großen Acker oberhalb des Hofs und speiste den See. Doch schon zwei Wochen, nachdem der Regen aufgehört hatte, war der Boden wieder trocken und rissig. Über die Jahre ausgedorrt. Das Gleichgewicht, das man in den letzten zwei Dekaden vor Ort in der Pfalz hatte und dem man als Gartenbauer vertrauen konnte, das gibt es nicht mehr.

Camping Aire Ona, Urrugne, französisches Baskenland. Scherzend mit mir selbst, taufe ich den kleinen Camping à la Ferme Airbase One. Noch vor der Morgendämmerung bin ich wach am gestrigen Tag. Niesel aufs Zeltdach, Reißverschluss auf, Richtung Zaun tappend, um die Blase zu erleichtern, latsche ich durch eine riesige Pfütze, die sich im Dauerregen des Vortags gebildet hat. Nein, du wirst nicht fluchen, Herr Irgendlink. Nein! Demütig nimmst du das humide Dasein an, denk an zu Hause, Risse im Boden, Staub allüberall … sagen wir es einmal so, es gab üblere Tagesbeginne auf dieser meiner Odyssée. Der Niesel ist ein guter Fahrregen. Ich koche Kaffee im Vorzelt, toaste das alte Baguette, das ich auf dem Col d’Ibardin vor zwei Tagen gekauft hatte. Dazu zwei Spiegeleier und eine Scheibe Saucisson Sec. Gegen neun Uhr im Sattel. Zelt nass zerknäult auf dem Gepäckträger. Ich werde es tagsüber irgendwann trocknen. Wie von der App versprochen kommt mittags die Sonne raus. Runter zum Atlantik. Ran an die Vélodyssée. Die Atlantik-Radroute Eurovelo 1 (EV1). Der französische Abschnitt heißt Vélodyssée. Gut 1200 Kilometer relativ gut beschilderter Radwege, meist auf eigenen Trassen und abseits der Straße.

Schon 2017 hatte ich angepeilt, diese Reise anzugehen und dafür dieses Blog, Radlantix, angelegt. Die ursprünglich angedachte Route hätte von zu Hause quer durch Frankreich über Paris in die Bretagne geführt, eventuell ein kleiner Abstecher auf die Insel Jersey und hinüber nach England, um kurz das Feeling von North Sea Cycle Route zu reaktivieren et voilà, retour à la France immer den Vélodyssée-Schildern folgend. So weit der Plan. Warum kam es nicht dazu? Ich hab’s vergessen, verdrängt den Tod des Vaters 2017 … Himmel, fast auf den Tag genau ist das jetzt schon drei Jahre her.

Nicht abschweifen, Herr Irgendlink, konzentriere dich aufs Jetzt. Auf’s Leben und nicht den Tod, auf’s Glück und nicht den Schmerz, auf’s Hier, auf die Straße. Es gibt nur noch das Graue Band, das niemals endet.

Runter nach Hendaye zurück zur Strandpromenade, vorbei am großen Campingstrich. Rechts und links aller Wege liegen unzählige Campingplätze und verlocken Urlauberinnen und Urlauber. Nordwärts raus aus Hendaye immer der Straße nach, aber immerhin auf einem eigenen Radweg. Sagen wir es einmal so: schöner Radweg geht anders. Die Notlösung direkt neben dem Gehweg entlang der D 912 holpernd, an jeder Kreuzung über Bordsteine, seien sie auch noch so schrägbordig, macht keinen Spaß. Der Touriverkehr atlantiklechzender Schönmenschen tut sein Übriges. Benzingestank und Geschäftigkeit. Fast sehne ich mich zurück auf die Airbase One, mein Basislager unterhalb des Col d’Ibardin. Die Ruhe. Die Wiese. Die Pfütze und mein Humidor namens Europennerzelt.

Hinter Saint Jean de Luz bessert sich die Radwegelage etwas, folgt die Vélodyssée ruhigeren Straßen und ab und an auch mitten durch die Natur auf feinen, kleinen, eigenen Trassen abseits des Motorisierten. Durch Guéthàry und Biarritz: Strandpromendandenspießrutenläufte. Und hinein nach Bayonne, immer den Vélodyssée-Schildern folgend. Am Bahnhof in Bayonne werden Erinnerungen an den Umstieg nach Saint Jean wach. November 2010. Dauerregen, der Fluss bei Hochwasser und eine Stunde rumtrödeln mit schwerem Pilgerrucksack in der Stadt.

Der Fluss heißt übrigens Adour, beziehungsweise Aturri auf baskisch. Nach zehn Jahren habe ich endlich Zeit, seinen Namen zu lernen. Heuer hat der Aturri Niedrigwasser, was vielleicht auch daran liegt, dass Ebbe ist. Ein faszinierendes Wesen von Fluss, wie auch die gesamte Gegend, stelle ich fest. Nicht immer mündete der Adour hier bei Bayonne ins Meer. Mehrfach änderte er seine Mündungsposition, und zwar um etliche zig Kilometer. Das Meer und die Sanddünenhaftigkeit der Gegend sind daran schuld. Und auch der Mensch legte einst Hand an, um den Fluss zu bändigen.

Wie auch immer, irgendwie bin ich froh darum, dass dieser Fluss mit seiner Wandermündung einmal eine weniger bedenkliche Geschichte bereit hält als der Rio Seguro und der Ebro (siehe Irgendlink-Blog).

Jenseits von Bayonne wird die Vélodyssée endlich zu einer Radroute nach meinem Geschmack. Kilometerweit solo ohne Straßenlärm schlängelt sich der Weg durch lichten Wald. So radele ich in den Abend, fast 90 Kilometer auf dem Tacho, vorbei an einem Tierpark, und klugerweise abseits des Strandes mit seinen überteuerten Touristencampings nach einem Plätzchen suchend. Gerade rechtzeitig vor Dunkelheit auf einem Farmcamping  in Labenne eingecheckt. Herzig, einfach, nicht neu, aber sehr sauber und mit 13 Euro schon geradezu unschlagbar günstig. Ich bin der einzige Radler auf dem Platz. Nur noch wenige andere Gäste. Ein belgisches Paar im Wohnmobil, eine französische Familie und ein zotteliger alter Hofhund namens Lottí sind meine einzigen Mitbewohner.

 

Die mannigfaltige Gestaltungsmöglichkeit der Wände deiner kleinen Klause der Vélomobilität | #radlantix

Wieder muss ich Finger zählen. Nein, sogar Zehen. Dienstags bin ich gestartet vor über sieben Wochen. Den beiden Zweibrücken-Andorras folgend quer durch Frankreich bis jenseits der Pyrenäen. Kurzer Ausflug in den spanischen Bürgerkrieg nach Belchíte und wieder nordwärts. Das sind alleine schon sieben Zehen für die unterwegsen Wochen und ein paar Finger für ein paar Tage plus. Am Atlantik begann die achte Woche, letzten Dienstag, Daumen links: Tag 36. Linker Zeigefinger, Mittwoch … und gestern war der Mittelfinger dran, Donnerstag, Tag 38.

Heute bricht also schon der Ringfingertag der achten Woche an. Alles klar?

Egal. Die Zeit verliert sich. Ich halte sie sowieso für ein zweischneidiges menschliches Konstrukt, wie auch Geld und die Festlegung auf Wertesysteme generell. Fluch und Segen zugleich. Einerseits sind derlei Systeme wichtig für das Zusammenleben. Sie ermöglichen die Verrechnung von Waren und Dienstleistungen, das Festschreiben von Schuld, von Debit und Credit.

Die Einigung auf einheitliche Zeit macht Transport und dessen Terminierung erst möglich. Eine zunächst europaweit, dann weltweit einheitliche Zeit  setzte sich erst durch, als der Mensch schnelle und große Räume übermessende Transportsysteme entwickelte. Die Eisenbahn, Motor der einheitlichen Zeit. Zu Vor-Postkutschenzeiten herrschte ein heiles Zeitenchaos. Drei Minuten vor Zwölf hier, sieben Minuten nach Acht da. Die genaue Zeit über lange Strecken zu behalten war eine Wissenschaft in der Prä-Escapardistischen Zeit. Der Zeit, in der der Mensch noch nicht gewohnt war, das Land zu verlassen.

Nördlich von Mimizan irgendwo im Wald. Wo ist der Gestank, den man mir versprochen hat? In einer Artikelserie in der Welt in der Rubrik ‚Orte zum Abgewöhnen‘ war auch ein Bericht über Mimizan. Strandappartement, Sommer, Sonne, Fenster auf. Gestank, Kotz, Fenster zu, Baguette und Orangenmarmelade und Saucisson Sec im feinen kleinen Ferienappartement statt auf dem Balkon mit Blick aufs Meer. Eine ganz klare ‚Fahr da nie hin‘-Empfehlung, allerdings aus dem Jahr 2011. Der Autor war als Kind mit den Eltern in Mimizan und machte die beschriebene traumatische olfaktorische Erfahrung, deren Ursache eine Papierfabrik im Ort sei. 2011 kehrte er zurück, immerhin waren über zehn Jahre ins Land gegangen, vielleicht habe sich etwas gebessert. Nein, hatte es nicht. Deshalb der Artikel. Nun sind schon wieder fast zehn Jahre vergangen und das Schicksal hat mich nach Mimizan verschlagen. Beigemengt im Hinterstübchen der Gedanke an den uralten Artikel, den ich im Internet gefunden hatte. Entsprechend dominiert die Information den gestrigen Tag … naja, dominieren ist falsch gesagt, aber eben, sagen wir es einmal so, die Information über den Ort zum Niewiederhinfahren liegt in meinen Hirnwindungen wie ein Geruch, den man eine Weile in seiner Kleidung mitschleppt.

Die Vélodyssée ist eine anständig gemachte Radroute, muss ich sagen. Die Beschilderung ist okay, nicht lückenlos, aber mit dem Track auf dem Handy und den Schildern und dem Wissen um das Geheimnis des Sonnenstands komme ich ganz gut voran. Nach Norden radelnd, steht die Sonne meist irgendwo rechts oder im Rücken (es sei denn, man steht früh auf :-).

Die Strecke? Führt durch meist flache, sanddünige Gegenden mit seichtem Kiefernbewuchs, gespickt mit frühlinghaften Feldern, garniert mit kleinen Dörfern und Städten. Deren Umgebungen: Miniindustrien und pulsierende Gewerbegebiete. Ein Rangeln der großen Supermärkte herrscht in den von Autos dominierten Randgebieten: Intermarché versus Super U, gespickt mit Auchan und ab und zu ein kleiner Match. Ich bevorzuge die kleinen Märkte in den Innenstädten. Nicht zuletzt, weil ich das vollbepackte Reiseradel nicht gerne auf einem riesigen, anonymen Parkplatz unbeaufsichtigt stehen lasse.

Was kann ich über die vergangenen etwa siebzig Kilometer sagen? Geprägt ist das Land, wenn man einmal den Menschen außen vor lässt, vom Kampf der Flüsse mit Sand und Meer. Ich fand das schon vorgestern ziemlich faszinierend, dass der Arturri bei Bayonne über die Jahrhunderte eine Art Wandermündung in den Atlantik hatte. Und zwar auf etlichen zig Kilometern nord-südwärts. Alles fließt. Alles ist in Bewegung. Die Luft, der Sand, der angebliche Gestank, die Flüsse, der Regen, die Landschaft. Fast komme ich mir vor wie in einem verrückten Van Gogh Gemälde, Grundfarben gelblich, vermengt mit Ocker und dunklem Grün, zieselige Kiefernstacheln befinden sich im Gerangel mit dem Gestrüpp einzelner Brachen und die klaren Linien, die die von Menschen gemachten Gebäude, Lagerhallen, Kornspeicher, Bahnanlagen, was weiß ich was noch alles, beisteuern, werden durch die Zieseligkeit der Natur in Unruhe gebracht, lösen sich, aller Strenge zum Trotz, die man ihnen per Bauplan aufbürdete, auf, und tanzen im Zittern der feinen Natur.

Das Land der großen Courants, der Ströme und der gebändigten Sümpfe und Dünen ist das. Nicht sehr weit befindet sich die höchste Sanddüne Europas, die Dune de Pilat beim Städtchen Arcachon. Über hundert Meter hoch. Eigentlich mein Tagesziel. Aber ich bin müde. Der Nordwester, so nenne ich den Wind, der mich bremst, zerrt an den Nerven. Immer wieder nötigt mich seine unsichtbare Kraft zu Pausen in windgeschützten Ecken. Dann schmatze ich ein Stück Käse und ein bisschen Baguette, luge nach ein paar Minuten um die Ecke meines Windschutzes, nein, er ist noch da. Er wird niemals gehen. Trotzdem komme ich voran. So ist das beim Radeln. Man kommt immer irgendwie voran, auch wenn man denkt, man steht still. Es ist fast alles eine Kopfsache. Du kannst Dir die Wände deiner kleinen Klause der Vélomobilität schön bunt mit Bildern behängen oder aber auch sie in eine triste Zelle verwandeln. Alles nur eine Frage der inneren Einstellung. Wenn Du mit einem Bericht über Gestank in Sinnen auf einen Ort zufährst, wird der Ort so lange stinken, bis du ihn erreichst und selbst nachriechst, ob es dort stinkt. Stinkt es tatsächlich, dann stinkt es, stinkt es aber nicht, dann hast du in deiner Phantasie zwanzig, dreißig vierzig Kilometer im imaginären Gestank absolviert.

Die Lagersuche wird ein bisschen kniffelig. Die Gegend ist aus rein europennerianischer Sicht etwas kompliziert. Typen wie mich gibt es nämlich offiziell gar nicht in den Verrechnungssystemen der Touristenhochburgen. Das musste ich schon am ersten Tag in Hendaye feststellen (Link einfügen, wenn der Artikel fertig ist). Computer sagt naiiin (Anspielung Little Brittain), wenn man dich eincheckt. Nein, wir haben keinen normalpreisigen Platz für zehn, fünfzehn, zwanzig Euro für dich Alleinreisenden mit dem winzigen Zelt. Das einzige, was wir bieten können, ist Kategorie C –  Emplacement sans Electricitée – 27 Euro plus Kurtaxe, Jetons für die Duschen kosten extra. So klappere ich zwei Zeltplätze ab (siehe Geschnörkel im GPS-Track) und gebe schließlich auf, suche abseits der Straße in einem Waldweg nach einem Wildzeltplatz. Und was soll ich sagen, klappt prima. Neben Kahlschlag steht das Europennerzelt unter einer alten Kiefer. Mitten im Gemetzel eine kleine Hütte, neben der drei Kajaks liegen, was mir ein bisschen surreal scheint, so weit vom Meer, aber vielleicht wandert ja ab und zu ein Fluss vorbei oder nachts bei Vollmond kommt der Courrant und nimmt sie mit auf seine ruhige Tour zwischen Sand und Kiefernnadeln?

Zur -> Karte. Die aktuellen Einträge sind hellblau markiert in der Ebene Radlantix, die man ggf. noch einblenden muss. Strecke der Tagesetappen abwechselnd dunkelblau und braun gestrichelt.

 

Home by the Pac-Man Fields | #radlantix

Heftige Gewitter auf See weckten mich gegen vier Uhr. Wetterleuchten, Sturmböen, die sich in der seichten Bepflanzung meines Nachtdomizils verloren. Das Zelt zum Glück gut verankert im harten Boden, der einmal Sumpf war, vermutlich. Weit abseits der Radelroute der Vélodyssée steht das Europennerzelt heute.

Der gestrige Tag? Ein Spießrutenlauf durch bis zur Vollendung monetarisierte Lande, so will ich einmal sagen. Ich hätte es wissen müssen. Der Trend, der sich schon in den Pyrenäen abzeichnete – je näher am Ozean, desto Geld – setzte sich die gesamte Küste aufwärts fort. Die Bepreisung von Campingplätzen und Unterkünften und Restaurants folgt vermutlich einer geheimen Formel, bei der die Distanz zum nächsten Strand ein nicht unwichtiger Faktor in der Preisberechnung ist. Nun kommt noch die Dune du Pilat hinzu. Europas größter Sandkasten, wenn man so will. Die Düne südlich der Stadt Arcachon ist die höchste Sanddüne Europas und somit auch ein faszinierender Touristenmagnet. Gleich zu Füßen des fast drei Kilometer langen Sandgebildes liegen etliche Campingplätze, auf denen man sich für viel Geld einquartieren kann. Ich habe erst knapp 50 Kilometer in den Beinen, kaum Mittag, also kein Bedarf, mich schon wieder einzuquartieren. Zum Glück! Mit 27 Euro wäre der Platz, auf dem ich mein Fahrrad abstelle, um die Düne zu besichtigen, sogar noch im normalen Preisrahmen. Vorsaison wohlgemerkt. In der Hauptsaison würde die Übernachtung fast 50 Euro kosten. Und als Vorbeireisender, der sein Fahrrad vollbepackt nicht in einem der Waldwege an einen Baum ketten möchte, zahle ich vier Euro für die Platztraverse oder fürs Radelabstellen oder als Düneneintritt? Es ist nicht so ganz klar. Der Wirt im Restaurant des Campings hält jedenfalls die Hand auf und lächelt verschmitzt. Mit einer Ich guck Dich-Geste und Zeigen aufs Radel gibt er mir zu verstehen, dass er aufpasst.

Vor etwa dreißig Jahren war ich im Winter schon einmal hier bei der Düne. Wir parkten das Auto in einem der Waldwege und stapften hinauf durch den Sand, waren fast alleine auf dem riesigen Gebilde und als wir zurück kamen, war die Scheibe am Auto eingeschlagen und das Radio geklaut. Ein Klassiker. Die Voleure haben Hochsaison, schätze ich.

Ich mache mich auf den Weg, ziehe die Schuhe aus, hänge sie mir über die Schulter, stapfe durch den Sand, verdammt warm. Nein, heiß! Schuhe wieder an und weiter, hundert Höhenmeter durch rieselndes Etwas. Was, wenn die Düne ein Lebewesen wäre, auf dessen Rücken wir Menschen wie Parasiten leben? Uns in ihrer weichen Oberfläche wälzen, eingraben, Hautschuppen und Fett und Schweiß hinterlassen, sie ordentlich durchkneten. Als Putzerfische gingen wir wohl nicht durch. Hie und da Müll, achtlos Verlorenes, eine zerbrochene Sonnebrille, Papierchen, Plastiktüten, eine Eistüte, im Schmelzen begriffen. Die Spur ist frisch. Weiter oben plärrt ein Kind, vermutlich dasjenige, das gerade sein Eis im Sand verloren hat. Serpentinös klettern Menschen hinauf, andere kommen purzelnd rutschend entgegen. Habemus fertig mit Dünenwesenputzerfischsein? Die Düne frisst das Land. Baumwipfel kurz vor der vollendeten Verschlingung.

Ihre innere Struktur verrät ihre lange Evolution, die sich über etwa 18.000 Jahre zurückführen lässt. Die verschiedenen aufeinander folgenden Klimata und Vegetationen lassen sich im Inneren ablesen. (siehe Wiki).

Wenn Wasser ein Gedächtnis haben soll, sollte Sand nicht vielleicht auch eins Haben? In einer Folge der Sciencefiction-Serie Raumschiff Enterprise wurde einmal die Geschichte eines Lebewesens aus Silkat erzählt. Dargestellt wurde eine Struktur wie ein Stern aus zu Glas geschmolzenem Sand, meine ich mich zu erinnern. Mit solchen Gedanken erreiche ich den Gipfel, trifft mich Westwind, strahlt Sand und soweit das Auge reicht hängen Gleitschirme in der Luft. Grotesk. Dicht an dicht gleiten die bunten Etwasse mit ihren daran baumelnden Menschlein verspielt im Wind. Darunter auf den flachen Stellen am Kamm der Düne vereinzelte Grüppchen auf Picknickdecken. Manche sonnen sich, andere sitzen einfach nur da und schauen aufs Meer. Was mich wundert ist, dass die Gleitschirmleute so problemlos aneinander vorbei finden, ohne zu kollidieren. Gibt es Statistiken, wieviele Gleitschirmunfälle hier jährlich passieren?

Das Dünenerlebnis vor dreißg Jahren – ich meine, es war Januar – war um etliches, sagen wir einmal, weniger bevölkert. Kalter Wind, aber sonnig, so erinnere ich mich.

Nun erlebe ich eine perfekt getaktete Tourismusmaschine, berechnet bis ins feinste Sandkorn. Den Weg zum Meer spare ich mir, obschon der Strand vor der Düne verlockend aussieht. Das vollbepackte Radel beim schlawinerischen Gastwirt kann ich aber nicht ganz ausblenden, also der Gedanke, es könnte sich doch jemand an meinen Habseligkeiten zu schaffen machen. Dieb ist nämlich ein Profiberuf hier in der Gegend. Ich schätze, die Diebe kommen morgens wie ganz normale Berufspendler aus Bordeaux hierher und arbeiten die hassardeurisch allen Warnungen und Verboten zum Trotz in den Waldwegen geparkten Touristenautos systematisch ab.

Wieder auf dem Radel die Straße nordwärts kurbelnd sehe ich keinen einzigen Weg, keine wilde Bucht, in der nicht eine Barriere daran hindert zu parken oder ein Schild es verbietet. Erst gegen Arcachon kommt ein riesiger, offizieller Parkplatz mit Parkwachthäuschen und Automaten, auf denen man offiziell parken darf. 13 Euro kostet der Spaß. Ich gehe davon aus, dass kontrolliert wird.

Bei Arcachon macht die Véloroute einen Schlenker um die Bucht. In der Karte sind zwar Fährlinien eingezeichnet, womit man abkürzen könnte, aber Herr Irgendlink tut ja immer das, was die Radwegeschilder ihm sagen und wenn die Vélodyssée will, dass du schlenkerst, dann schlenkere eben. Bordeaux gar nicht mal so weit. Für eine Weile radele ich direkt darauf zu.

Schon ist es Abend. Lagerplatz-Spießrutenlauf. Im Krieg mit den Unabdingbarkeiten perfekt vermarkteten Strands klappere ich zahlreiche Campingplätze ab, wobei ich es mir zum Sport mache, den Preis zu erfragen, die Hände über dem Kopf zusammenzuschalgen, „Mon Dieu“ rufend, „c’est trop cher!“ und einfach wieder zu gehen. Schon stelle ich mir eine Art Mission vor. Die Mission alleine reisender radelnder Europenner, die in einer Art länglichem Flashmob die französische Atlantikküste auf und ab radeln und lückenlos in allen Campingplätzen nach dem Preis fragen und die Hände über dem Kopf zusammen schlagend, „Mon Dieu, c’est trop cher, beaucouplus trop cher!“ skandieren und  weiterfahren.

Die Vorstellung davon hält mich bis etwa 19 Uhr aufrecht. Je näher die Nacht rückt, desto unruhiger werde ich und desto bereiter, einmal nicht „Mon Dieu“ zu sagen und den geforderten Preis zu zahlen. Wildzelten sieht auch etwas schwierig aus. Entweder ist alles ‚besessen‘ und eingezäunt oder es stehen strikte Zelten verboten-Schilder da, in Konjunktion mit Parken verboten-, Wohnmobile verboten-, Betreten verboten-Schildern und Hinweisen, dass man nichts im Auto lassen soll wegen der Voleure.

In Audegne bin ich endlich so weit, sage mir, jetzt sage ich nicht mehr „Mon Dieu!“, jetzt kaufe ich, egal, was es kosten möge. Quarante et un Euro! Ein. Und. Vierzig! Mon Dieu! Es dämmert. Ich radele weiter, folge der Straße landeinwärts nach Lubec, ha!, Lübeck in Frankreich, wenn man so will. Holstentor auf der Rückseite des 41-Euro-Scheins unbezahlbarer Nachtplätze. Landwirtschaftsgegend. Ruhiges Sträßchen. Jemand hat Pac-Man-Zeichen auf den Weg gemalt und Pfeile. Das ist so kurios, dass ich beschließe, den Markierungen zu folgen. Bin ich der Geist, der gefressen wird oder bin ich der Pac-Man mit den Zauberkräften, der mit schnappendem Maul allmöglichen Kreaturen durch ein Labyrinth hinterherjagt? Ich liebe dieses antike Computerspiel. Die Wege vereinzeln, werden immer schmaler und irgendwann stehe ich bei einem Feldweg vorm Briefkasten einer LKW-Werkstatt. Irgendwo im Nichts. Ein Hund bellt. Eine Frau nähert sich, leert den Briefkasten. Wir grüßen. Ich frage, ob sie mir Wasser gibt. Mon Dieu, bien sur. Frage, ob man hier wohl zelten dürfe, weise mit dem Kinn zu einem Platz neben dem Feldweg. Und die Frau sagt, komm mit! Ich gebe dir Wasser. Zelten kannst du in unserem Garten. Als ich ihr sage, dass ich den Pac-Man Symbolen gefolgt bin, lacht sie. Das war ein Spiel mit den Kindern letzten Herbst. Sie hatten eine Pac-Man Schnitzelagd durch die Gegend arrangiert anlässlich eines Geburtstags und ich solle mir doch einmal die Karten von Google anschauen, lacht sie verschmitzt. Ihr Haus liegt direkt im Maul von Pac-Man.

Unter einer alten Kiefer neben einem schrottreifen LKW baue ich das Zelt auf für die Nacht und schaue natürlich die Maps an. Tatsächlich! Mein Zelt steht mitten im dreieckigen Sektor eines riesigen Pac-Mans, der wohl durch die künstliche Bewässerung der umliegenden Felder entstanden ist. Man erkennt ein halbes Duzend kreisrunder, gut einen Kilometer durchmessender Felder auf dem Satelitenbild. Und mittendrin ist meins, das Einzige, das aussieht wie ein gefräßiger Pac-Man.

Die Drei Musketiere des modernen Radtourismus sozusagen | #radlantix

Frisches Baguette und ein Croissant, garniert mit Pain au Chocolat finde ich gestern früh beim Aufwachen vor dem Zelt. Dazu ein Zettel, Bonne Route! Ich hatte etwas Rascheln gehört in der Morgendämmerung, mischte das Geräusch im Traum mit verspielter Pac-Man-Computerspielemusik. Der Gedanke, dass ich im Maul von Pac-Man übernachte, hatte mich sogar in den Schlaf verfolgt. Nicht einmal den Namen meiner Gastgeberin kenne ich, aber das ist auch ein Zeichen, wie bedingungslos das Leben sein kann. Wir geben, was wir geben können und wir nehmen, was man uns gibt. So frei könnte das Leben sein, wenn es gelänge, sich gegenseitig als Unterwegsseiende, als Reisende zu betrachten, die durch ihr Leben driften. Die Politik der künstlichen Verknappung und der Hochsaisonabscheulichkeiten hier in der Gegend ist aber die lautere und bestimmendere Stimme im Kanon, wie man zu leben (und zu konsumieren) hat. Melkkühe des Atlantiktourismus.

Heute ist das Erwachen etwas unromantischer. Punkt acht steht eine Gruppe palavernder Jugendlicher vor der Surfschule jenseits des Campinkplatzzauns. Merke, Herr Irgendlink, betrachte neben dem Innen, in dem du dich bewegst, immer auch das Außen. Aus interner Sicht des Campings war es sicher klug, weit abseits vom Waschhaus zu lagern, nah beim Zaun. Dass hinter dem Zaun direkt eine Surfschule ist, deren ‚Motor‘ um Punkt acht Uhr anspringt, hatte ich nicht bedacht.

Über hundert Kilometer die gestrige Etappe. Nachdem ich Pac-Mans Maul entronnen bin, führt mein Weg zurück zum Meer, zurück auf die Vélodyssée. Nördlich der Bucht von Arcachon erwartet mich ein Radweg von absoluter Exorbitanz. Ich kann es nicht anders sagen. Ein bisschen erinnert er mich an eine Passage in Holland, die ebenfalls durch eine bewaldete Dünenlandschaft führte, vorbei an düster dreinblickenden Hochlandrindern, denen man sich nicht nähern sollte. Hier sind zum Glück keine dieser zotteligen Viecher zu sehen und ich bin bis auf ein paar Tagesradelnde ziemlich alleine zwischen Kiefern und Gesträuch. Ab und zue Rastplätze und immer wieder einsame Sandwege zum Strand. Die Piste du Cap Ferret führt streng nordwärts auf die Mündung der Garonne hinzu. Auf den etwa 25 Kilometern bis zum Étang de Lacanau gibt es keine Siedlung, sehen wir einmal von einem Golfplatz ab und auch nördlich des Étangs herrscht Friede auf feinen Wohlfühlradwegen. Eine wahre Vélodyssée sozusagen. Die Strecke hat es in sich. Ein einziges Auf und Ab. Sägezahnradeln wie in  einer Endmoränengegend, nur, dass das Profil von Sand erzeugt wird, statt wie bei den Rändern der Eiszeitgletscher durch Felsen. Liebliche Dünen querab. Die große Pyla-Düne ist nicht die einzige ihrer Art. Eigentlich ist die Gegend zwischen Arcachon und der Garonne-Mündung gespickt mit Dünen, stelle ich fest. Ab und zu ein Regenschauer. Wind allgegenwärtig. Trotzdem verbringe ich die Mittagspause am Strand, nehme ein Bad, nur bis zu den Knien. Das Wasser ist eiskalt und der Wind tut sein Übriges. Gefühlte Temperatur: arktisch.

Die Lagerplatzsuche am Abend ist einfacher als gedacht. Ich kaufe mich frei. Hatte ich mich tagsüber – wo sehen Sie sich in acht Stunden? –  noch wildzeltend in den Dünen irgendwo gesehen, siegte in Montalivet-les-Bains schließlich die Vernunft und ich quartiere mich auf dem örtlichen Camping ein, der sich mit Mitte zwanzig Euro als ‚im Prinzip bezahlbar‘ entpuppt (auch wenn ich rückblickend in die Cevennen oder gar nach Spanien sagen muss, das ist unverschämt teuer für einen einzelnen Radler mit winzigem Zelt. Wildzelten sei nicht zu empfehlen, sagt der Platzwart, es koste 200 Euro, wenn man erwischt wird und je höher die Saison, desto mehr werde kontrolliert durch die Ranger. Waldbrandgefahr, Müll und überhaupt, soll nicht jeder machen wie er will. Und ja, ich verstehe es ja: je mehr Mensch, desto mehr Dreistigkeit und je mehr Dreistigkeit, desto mehr muss man regulieren.

Nun vorm Zelt Baguette knabbernd, Thunfischfrühstück mit Croissant und Orangenmarmelade … er entehrt Croissants, schmiert sich Thunfischpaste aufs Schokocroissant … mein innerer Kulinarik-Ranger steht Strafzettelblock schwingend vor meinem Frühstückslager und notiert die Sünden … ich bin Engländer, behaupte ich, wo ist der Blutpudding … Spaß bei Seite, ich habe einfach Heißhunger auf alles, was der Europennerkühlschrank derzeit hergibt.

Wind frischt auf. Seit ich am Atlantik bin, den man hier in der Gegend einfach nur l’Océan, den Ozean nennt, sind Wind und Wellen und Sand meine treuen Begleiter. Die Drei Musketiere des modernen Radtourismus sozusagen. Heute werde ich den südlichen Abschnitt der Vélodyssée wohl beenden. Bei Royans gehts über die Garonne-Mündung. Nur noch knapp zwanzig Kilometer bis La-Ponte-de-Graye.

The Firth of Garonny, unkt mein innerer Schotte. Eine Fähre wird mich über den gut fünf Kilometer breiten Schlund bringen.

Die Garonne ist ein letzter Gruß aus den Pyrenäen.

 

Wappentier See-Kiefer | #radlantix

Dass es sich bei meinen ‚Drei Musketieren des modernen Radtourismus‘ (siehe Beitrag zuvor) um eine Kampftruppe handelt, wird mir erst mit Verspätung bewusst. Es ist erstaunlich, wie sehr das Unbewusste sich seinen Weg sucht in diese meine Blogbeiträge. Wie durch die Harzkanäle einer alternden Seekiefer strömt klebrige, ätherisch streng riechende Gedankenmasse durchs Künstlerhirngewebe. Ein kaum aufzuhaltender Prozess, man möchte fast meinen, es sei natürlich. Die Gedankenpumpe pumpt und pumpt und pumpt und die Erlebnisse des Reisealltags tragen ihr Schärflein bei zu dem Sirup, der die Harzkanäle durchfließt.

Das Auftauchen der Drei Musketiere in Form von Sand, Wellen und Wind scheint mir eine recht simple Erklärung zu haben: ich habe kürzlich die Gascogne durchquert. In den Drei Musketieren kommt ein Gascogner vor, nun, und dieser Gascogner und die Zahl Drei für die den Radler plagenden Kräfte dieser Gegend machten daraus die Drei Musketiere.

Ich schreibe dies jedoch nicht, um zu erklären, warum was wie in mir denkt und weshalb sich dann solche Artikel wie der vorige oder der jetztige ergeben … dennoch, ich behalte den Gedanken über die Gedanken einmal im Hinterstübchen.

Ich mag das Meer nicht. Ich mag das Meer. Ich mag den Sand nicht und auch nicht den Wind und ich mag Sand und Wind. Die Zweischneidigkeit allen Voranradelns wird mir in den Wäldern um Soulhac-de-Mer bewusst. Der starke Nordwester nervt, bremst mich, trägt stets auch Sand bei sich, der durch die Vegetation notdürftig gefiltert wird. Wenn ich einem der Wege westwärts folge, um zum Strand zu gelangen, nimmt die Wucht dieser meiner Musketengegner zu. Die Vorderlader im Anschlag, mit gezückten Degen, lauern sie hinter den Dünen am weiten, ewigen Strand.

Ähm, najaaa. Die Leute, die da im Rudel vor mir wandernd und lustig plaudernd durch den Wald stapfen, sehen alles andere als nach Musketieren aus. Statt Mäntel und Degen, Musketen und schicken Spitzbärtchen und zum Gruß schwingenden Musketierhüten und Pulverhörnern tragen sie … Turnschuhe. Ja. Turnschuhe. Sonst nichts. Eine Frau hat einen Rucksack auf dem Rücken. Die etwa 15 Leute – immerhin machen sie bereitwillig Platz, als ich klingele – sind splitternackt. Mit lautem Hallo geben sie mir zu verstehen, ich soll mich nicht genieren, könne mich gerne auch ausziehen. Die Gegend im Garonnespitz ist das Dorado der Naturalisten, erfahre ich. Ich erinnere mich an den kilometerlangen Campingplatz mitten in der Natur, den ich vor Kurzem passierte und jetzt fällt fällt der Groschen. FKK ist in da Hood.

Hinter einer Düne lege ich das Radel in den Sand und, naja, da man hier ja so ganz zwanglos ist, ziehe ich mich bis auf die Unterhose aus. Im Windschatten ist es nämlich sehr warm. Die in Spanien vorgebräunte Haut muss das abkönnen. Ich packe mein Essen aus, Naked Lunch des kleinen Mannes mit Badehose und SOLCHEN Bräunungsrändern in der Mitte der Oberschenkel. Typisch für uns Langstrecken-Reiseradler.

Bei Le Verdon-sur-Mer erreiche ich nachmittags die Garonne-Mündung und die Fähre. Fünf Kilometer breite Bucht, früher Nachmittag. Fallendes Wasser. Deutlich erkennt man die Pendellinien, die die Gezeiten am Ufer hinterlassen. Ebbe und Flut bestimmen den Trichter zwischen Ozean und Pyrenäenfluss auch noch zig Kilometer flussaufwärts. In Norddeutschland an der Elbe hatte ich einmal einen Fluss erlebt, der mal in diese, mal in jene Richtung floss, je nachdem wie der Mond stand und somit auch, wie das Wasser des Planeten von ihm gelenkt wurde. Ich nehme an, hier in der Gegend ist das so ähnlich. Die Fähre ist gezeitenunabhängig, die Anleger hier und drüben in Royans so gebaut, dass die Schiffe immer hin und her fahren können. Die Überfahrt mit Radel kostet fünf Euro. Fast kommt es mir vor wie auf einer Rheinfähre am Mittelrhein. Ewiger Strom aus Autofahrenden, Touristen, Vélodysséereckinnen und -recken und Tagesradlern im mantrischen hin und her derweil sich die Massen des ziemlich langen Garonne (ich glaube, er ist über sechshundert Kilometer lang), unter den Fähren hindurch wälzen. Leckeis an Bord. Massenhaft Selfies und Filmchen. Ein Braunschweiger Paar im VW-Bus drapiert sich dicht neben meinem Rad. Gekonnt schwenkt sie die Kamera vom Grün des Decks zum Radel und hinüber zu ihrem Freund, der über die Reise, gegen den Wind anplaudernd, langsam zum Bulli läuft. Wie so ein Harald Lesch; wie inszeniert; wie nach Drehbuch. Ich muss schmunzeln. Sand und Salz und Gischt und das Schiff schaukelt ganz schön.

In Royans kaufe ich Lebensmittel, eine Flasche Wein, stelle mich wieder aufs Wildzelten ein, denn die Netzrecherche über Campingplätze in der Gegend zeigt exorbitante Preise, bzw.: viele sind noch gar nicht geöffnet. Manche scheinen nur im Juli und August zu öffnen.

Ein Familiencamping mit Spaßbad hat es mir aber angetan, trotz einem Preis von fast 50 Euro (2 Personen, Zelt und Auto; für Einzelreisende finde ich nichts auf der Webseite). Ich stelle mir einen Platz wie in Örebro in Schweden vor, familienfreundlich mit freiem Eintritt ins Schwimmbad und gigantischen Rutschbahnen. Ich liebe Spaßrutschen. Dafür würde ich glatt schwach werden, sage ich mir, als ich Royans verlasse. Wieder durch Wälder voller uralter Kiefern. Pins maritimes, See-Kiefern, hatten mir meine Nudistenfreunde erklärt. Nicht zu verwechseln mit Pinien.

War im Jahr 2000 bei der ersten Radtour von Zweibrücken nach Andorra die Schnecke, L’Escargot, mein Wappentier, ist es nun, zwanzig Jahre später die Pin Maritime. Beides sind Allegorien an die Verletzlichkeit, denke ich. Und an die Langsamkeit und an die Beständigkeit. Die Seekiefer mit ihren Adern aus Harz und ihrer relativen Stehaufmännchenfähigkeit nach Waldbränden, zudem auch ein Bild der Unverwüstlichkeit. Ich liebe den harzigen Duft. Erstmals tritt der Sand, die tosenden Wellen und der Gegenwind in den Hintergrund und im Waldveloroutengewirre nördlich von Royan werde ich sozusagen eins mit dem Baum.

Unter den abiotischen Schadfaktoren stellen Waldbrände, Frost und Schneebruch die bedeutendsten dar. Die See-Kiefer reagiert auf Immissionen weniger empfindlich als die Pinie (Pinus pinea) leidet aber vor allem in Küstennähe unter der mit Detergentien verunreinigten Meerwassergischt. Diese und weitere Stressfaktoren können zu einer Komplexkrankheit führen, welche sich durch Nadelausfall vor allem im Kronenbereich, dem Absterben von Ästen, kürzeren Nadeln und dem so genannten Blüheffekt äußert.

Was sind meine abiotischen Schadfaktoren?

Lärm, Gezeter, zu viele Menschen auf zu engem Raum. Autos, Motorräder mit übermotzten Lautplärrauspuffen … böse Menschen generell … der Europenner reagiert auf Immissionen weniger empfindlich als der Normaltourist, leidet aber vor allem in Küstennähe unter der mit Surfern verunreinigten Meerwassergischt. Diese und weitere Stressfaktoren können zu einer Komplexkrankheit führen, welche sich durch Nervosität, dem Absterben von Lebenslust, hektischerem Radeln und dem so genannten Wildzelteffekt äußert.

Das Spaßbadcampingdings ist nichts für mich. Lärm, Hektik, eine Gruppe Motorradler beim Checkin und ganz entscheidend: Ich erkenne keine bunten Türme so wie in der Lost City in Örebro, aus denen sich die Röhren der Riesenrutschen winden.

No Riesenrutsche, no cry singend radele ich weiter, in der Hoffnung, irgendwo außerhalb in einem schönen sandigen Seekierfernhain einen kleinen Farmcamping zu finden.

Rechnung ohne den Wirt Die Seekiefern enden jenseits von Marennes abrupt. Ich finde mich in einer unheimlich flachen, von Kanälen und Schilf durchzogenen Gegend wieder. Ein bisschen erinnerte mich die Szene an die englischen Fenlands. Marschland, vom Wasser und von Pumpstationen geprägt. Felder zwischen den Kanälen. Hier einen Zeltplatz finden, an dem man nicht auffällt, ist fast unmöglich. Dennoch, in den Fenlands, 2012 auf der North Sea Cycle Route hatte ich auch einen schönen Lagerplatz gefunden.

Die Vélodysée ist mit gelben Radelschildchen prima beschildert, verliert sich auf Kanalwegen. Plötzlich! Eine andere Gegend (Anspielung norwegisches Werbeprospekt 2010). Eine ganz unerwartete, andere Gegend ohne Zeichen von Tourismus, sieht man einmal von der Véloroute selbst ab. Le Tourist, c’est moi. Ich fühle mich plötzlich ganz frei, radele, die Sonne im Rücken landeinwärts entlang eines Kanals. Finde zwischen Schilf und einer Schutthalde neben einem frisch bepflanzen Feld schließlich einen guten Nachlagerplatz. Theoretisch könne ich sogar den Duschsack mit Brackwasser füllen. Ihn in die Seekiefer hängen. Die einzige meilenweit. In meiner Vorstellung ist es die letzte auf meiner Route. Die nördlichste ihrer Art.

Sein vertikales Waterloo erleben | #radlantix

Heute ein Sprachnotizbeitrag. Die Idee mit dem Audio hatte Frau SoSo – da Monsieur Irgendlink, moi même, auch am fortgeschrittenen Abend noch immer keinen Radlantix-Tagesblog geschrieben hatte. Ich erzähle ihr kurzer Hand ganz zwanglos die Erlebnisse vom gestrigen Tag 42 der Radelreise.

 

Radlantic Headerbild Haus am Sandstrand
Hier geht’s zum Video ( Dauer 14 Minuten)

Links, zu Informationen, die im Video vorkommen

Blog von Klaus und Antje, die die Vélodyssée vor einigen Jahren von Nord nach Süd radelten. Im Beitrag sind auch Bilder der Schwebefähre von Rochefort über die Charante nach Echillais zu sehen.

Gezeiten für Fischerinnen und Fischer.

Diese alte Festung befindet sich an der Spitze von La Fumee, einem Stück Land, das normalerweise unter Wasser steht. Es ist ein interessanter Spaziergang in Richtung Fort, solange Sie es gut genug planen, um der steigenden Flut zu entkommen. Wir schafften es innerhalb von ungefähr 100 Metern und machten uns fertig, als wir beobachteten, dass alle Austernzüchter mit ihren Traktoren und Lastwagen zurück an die Küste fuhren. (Übersetzung einer Beschreibung des Spaziergangs zum Fort Énet auf Tripadvisor)

Infos über das Fort Énet, Besuchszeiten (gezeitenabhängig) und Eintrittspreise.

Schlacht bei Waterloo auf Wikipedia.

Rochefort mit Infos über Schwebefähre (Wikipedia). Sowie dem Hinweis auf Napoleons Fluchtperspektive.

Gezeiteninsel Lindisfarne in Nordengland.

Frau SoSos Blog.

Das per Smartphone aufgenommene Audio, wurde zum Video mit Standbild verwandelt, um auf Youtube zu bestehen. Es ist der erste und einzige Anlauf und ungeschnitten. Das Standbild zeigt ein Haus an der englischen Nordseeküste, aufgenommen 2012. Im Bild noch der ursprüngliche Titel des Blogs, Radlantic mit C, statt mit X. Das Videothumbnail ist das offizielle Headerbild dieses Blogs, das am Firt of Forth aufgenommen wurde und eine kleine Schleppschaluppe zeigt, betrachtet aus der Vogelperspektive von einer Brücke.

Im Radlantix-Blog wäre durchaus eine Bebilderung mittels entsprechend lizensierter Bilder aus den Wikicommons möglich. Es wäre allerdings ein ziemlicher Aufwand. Ich hoffe, dass ich die Reise irgendwann in ‚echt‘ machen kann und mit eigenen Bildern untermalen kann.

Haltet mich bitte zurück, sollte ich so bekloppt sein, nach Fort Énet rauszuradeln!

 

 

 

Hässlicher, brutaler Tanz hinein in die Agglomeration | #radlantix

Sagen wir es einmal so: Die D 137 zwischen Rochefort und La Rochelle ist kein Zuckerschlecken. Vierspurig, ziemlich geschäftig, nur unzureichend baulich getrennt vom Radweg. Radeln in Abgasen und Lärm. Schon am Vortag raus aus Rochefort bis zu meinem persönlichen kleinen, vertikalen Waterloo ‚durfte‘ ich den Geschmack der Hauptstraße testen. Die Vélodyssée-Route führte einige Kilometer weit direkt neben dieser departementalen Küstenautobahn.

Auch auf der gestrigen Strecke Richtung La Rochelle begegnete ich immer wieder diesem lauten, stinkenden Gesicht der Vélodyssée, überquerte die Straße mehrfach, wand mich mit ihr in äskulapischer Manier; oder, fast möchte ich sagen, es war wie Tanz. Hässlicher, brutaler Tanz hinein in die Agglomeration, ach was, eigentlich bin ich schon seit Rochefort mittendrin in dem Ballungsraum.  Im Rückblick gerät mein Ausflug aufs Zünglein im Meer beim Fort Énet fast zum Erholungsurlaub.

In La Rochelle wird man mit faszinierender Architektur entschädigt, mit Hafenflair und in den Seitenstraßen der Vororte gerät die Radroute denn doch zu so etwas Ähnlichem wie einem so-sollte-es-sein-Fahrradweg. La Rochelle ist übrigens eine Hansestadt, verstädtepartnert mit Lübeck. Holstentor. Schon wieder! (Notiz: siehe ein zwei Beiträge zuvor, Lubec-Assoziation; welch seltsame Zufälle der Wikitourerei … mach was draus).

Ich bin total erschöpft am gestrigen Tag, angeschlagen von der durchwirkten Nacht, von der Nah-Hummer-Begegnung vorm Fort, vom olfaktorisch recht ungünstigen Gauloise-Caporal-Morgengruß der beiden Wartenden in der Bushaltestelle. Bushaltestellen sind sowieso der letzte Ort, an denen man nach Schlafplätzen suchen sollte, so als umherirrender Europenner. Bushaltestellen und die Einkaufswagen-Kabinen innerstädtischer Supermärkte auf abgesperrten Parkplätzen in Norditalien. Und der Windfang von Angelshops in kleinen Städten an Islands Ostküste. Und Vogelbeobachtungstürme in Lappland. Und und und.

Raus aus La Rochelle. Mein Plan ist, abseits des Strands einen bezahlbaren Campingplatz zu finden und mich für zwei Tage einzuquartieren; ggf. als normaler Stadttourist zurückzukehren und mir die 75.000 Seelen Stadt anzuschauen. Fellpflege mal wieder. Duschen. Rasieren. Rumhängen. Nichtstun. Vielleicht das Buch zu Ende lesen, das ich schon seit Spanien mit mir schleppe: Panic. Die Heldin bricht auf zur Jagd auf den Jäger, der die Jagenden jagt. Ein merkwürdiges Buch, das isoliert in einem Forstrevier im Norden der USA spielt. Dort kommt man nur per Flugzeug hin und es gibt keinen Kontakt zur Außenwelt …

… der Ruhebedürftige bettet sich zur Ruhe, um sich von der Erholung, die eine Fahrradreise für gewöhnlich mit sich bringen sollte, es aber nicht tut, zu erholen. Nun vor dem Zelt sitzend auf einer Picknick-Bank. Dies schreibend. Ein merkwürdiges Buch, das isoliert in einer momentan nicht zugänglichen, von Pandemie und Ausgangsbeschränkungen restriktierten Welt spielt. (Irgendlink-Blog).

Kaffee kochend, Marmeladenbaguette essend. Der Platz ist um die frühe Jahreszeit noch relativ leer. Scheint übrigens explizit die Tourenradelnden der Vélodyssée anzusprechen. Anders kann ich mir die hohe Picknick-Bank-Dichte nicht erklären. Und auch nicht die Tatsache, dass es den ‚Kundentyp‘ solo reisender Radler gibt, der in den kosmodämonischen Computersystemen der großen, sogenannten Familiencampings überhaupt nicht vorgesehen ist. Hier bin ich ich, hier kann ich sein.

Ich sollte La Rochelle besuchen. War da nicht der Uboot-Hafen in dem Kriegsschinken ‚Das Boot‘?

Herumgegomringere an den weißen Stränden der Ré | #radlantix

Die Frage, ob ruhen oder nicht ruhen, lässt sich im Prinzip ganz einfach beantworten. Das Ruhen auf Radreisen endet meist im Sattel, wenn auch ohne Gepäck. Nur mal eben etwas anschauen, etwas einkaufen, kein Gepäck, kleines Programm.

Und so schaukele ich mit meinem kleinen Bündel Tagesbedarf auf dem Gepäckträger am gestrigen Tag denn doch noch Richtung La Rochelle. Ziel: sich trudeln lassen, kleiner Urban Artwalk vielleicht? Die Stadt fotografieren und den Hafen erkunden. Vielleicht kann ich sogar die U-Boot-Basis besuchen, die als Kulisse für den Film ‚Das Boot‘ diente? Zurück auf die Trasse der Vélodyssée, rein in die Stadt. Ungewöhnlich windstill und schon bin ich am Meer und schon an der hohen Straßenbrücke zur Île de Ré. Und schon auf der Rampe aufwärts, denn die Brücke muss den Sund in großer Höhe überqueren, damit die Frachtschiffe hindurch passen.

Wunderbarer Blick über die Gegend von diesem künstlichen Gipfel aus. Im Süden meine ich gar, die Düne von Arcachon zu sehen, aber das könnte auch eine Täuschung sein. Dünen gibt es ja in dieser Gegend wie Sand am Meer.

Auf Radwegen schlängele ich mich über die kleine, weiße Ferieninsel. Durch historische Orte, vorbei an einem riesigen Fort mit solchen Zacken und unüberwindlichen Mauern und schon bald erreiche ich die engste Stelle der Insel. Nur etwa hundert Meter breit ist die Ré beim Plage du Martrey. Über einen kleinen Damm abseits der Hauptstraße führt ein Radweg bis zum äußersten Zipfel beim Leuchtturm von Baleine.

Oder vielmehr bei den beiden Leuchttürmen von Baleine. Schmunzelnd muss ich einmal mehr an die Monty-Python-Groteske mit dem schielenden Afrikaforscher denken, der zwei Expeditionen zu den beiden Kilimandscharos führen will und eine Brücke zwischen den Gipfeln … und nun ich hier auf der Ré-Insel mit meinen beiden Zweibrücken-Andorra-Reisen im Gepäck, ausrollend am Atlantik bei den beiden Phares de Baleine. Es gibt tatsächlich zwei Baleine-Leuchttürme. Eine alten, vom Festungsbaumeister Vauban im siebzehnten Jahrhundert erbauten und einen neuen, mit 57 Metern viel höheren Turm, dessen Feuer noch heute in Betrieb sind, obwohl auch dieser Turm seit einigen Jahren zu den historischen Gebäuden Frankreichs zählt. Über eine Wendeltreppe kann man bis hinauf. Und im Betriebsgebäude des Vauban-Turms gleich nebenan, ist ein kleines Museum untergebracht.

Die Strände der Insel sind mäßig bevölkert. Noch ist das Wetter eher bescheiden, kühl, wenn auch nicht schlecht. Schwer beladene Menschen mit Sonnenschirmen und Picknick-Körben an sandigen Buchten, oft im Windschatten der Bunker. Faszinierend, diese uralten Bauwerke der Wehrmacht aus dem Zweiten Weltkrieg.

Aus meiner Heimatstadt Zweibrücken weiß ich, dass es eine Qual ist und unheimlich teuer, diese Bauwerke abzureißen. Vor einigen Jahren versuchte sich eine Abrissfirma an einem kleinen, etwa acht Meter hohen Turm einer Bunkeranlage auf dem Zweibrücker Kreuzberg ein paar Tage lang mit riesigen Meiseln an hydropneumatischen Baggern. Immer wieder brach der Meisel und irgendwann stellte man die Arbeit ein, ließ ein Bollwerk aus meterdickem Beton mit einem kleinen Löchlein zurück, aus dem die Stahlbewehrung wie ein Gerippe zu Tage trat. Angeblich hätte der Abriss des Kriegsbetons zu viele Meisel verschlissen und es wäre zu teuer geworden. Seither bleckt das kleine Monument aus dem Westwall-Bunkersystem als Mahnmal hinter Absperrgittern.

Hier am Strand von Ré gibt es zig von diesen Bunkern. Schräg geworden durch das Abrutschen der Masse auf dem sandigen Untergrund, mit Graffities besprayt, als Klo missbraucht oder als Windschutz oder als Geocache-Location. Einer der Bunker (Genannt Blockhaus) wird sogar als Ferienwohnung benutzt. In diesem Video aus dem Jahr 2014 kann man seine Restaurierung betrachten. Vor mich hin gomringisierend und über die Übel des Kriegs nachdenkend, lege ich mich neben einer Düne in den Windschatten und genieße mein Picknick.

Bunker
Bunker und Beton
Beton
Beton und Bagger
Bunker
Bunker und Bagger
Bunker und Beton und Bagger und
ein Blogger

Der Tag bringt viel Sand, viel Weiß, viel Beton, viele Touristen, und eine unterschwellige Tristesse. Ich schicke das Hirn auf Wanderschaft, barfuß  im Sand flanierend, die Synapsen kitzelnd. Schon habe ich das Foto meines Urgroßvaters im Sinn, stolzer Soldat, geschniegelte Uniform. Ein aufpolierter So-sollte-er-sein-Mensch auf Heimaturlaub. In Wahrheit jedoch: ruiniert, an die Front geknechtet, zwangsüberzeugt von etwas für Jemanden gegen Jemand anderen, sich bis aufs Blut wehrend gegen einen fremden Anderen, der ebenso überzeugt für Jemanden gegen Jemanden kämpft. Die Jemands diesseits und jenseits der Grenzlinien, denen ihre So-sollten-sie-sein-Menschen, die sie in ihren Territorien untergeben scheißegal sind. Aufeinander gehetzt wie Hunde oder Kampfhähne, den Interessen derer, die das Sagen haben unbarmherzig ausgeliefert. Kanonenfutter. Das Schicksal kann jeder erleiden. In jeder Epoche, egal, ob vergangen, jetzt oder bald.

Wer hat denn diese ganzen Bunker bezahlt? Die kleinen Leute im Deutschen Reich und sonstwo auf der Welt. Ganz normale Leute, die nie und nimmer etwas gegen die anderen ganz normalen Leute jenseits der Grenzen ihrer willkürlich per Macht zusammengeschusterten Reiche und Interessenssphären unternehmen würden. Menschen, die einfach vor sich hinwerkeln und einfach nur ihr Leben leben wollen. Wäre da nicht das Gift, mit dem man sie entzweit.

Ich glaube, die meisten Leute wollen einfach nur ihr Leben leben und in Ruhe gelassen werden. Und die wenigsten wollen Bunker finanzieren mit ihren Steuern oder Kampfjets oder Atombomben. Und trotzdem tun sie es. Wenn allen Steuerzahlenden weltweit bewusst wäre, für welch schreckliche Dinge ihre mühsam erwirtschafteten Talerchen verwendet werden, wer sich die Taschen vollstopft, was sich hinter den Mechanismen der Macht versteckt und die Zügel in der Hand hält …

Die schrägen Bunker auf der Île de Ré sind ja nur ein Bruchteil derjenigen, die am sogenannten Atlantikwall errichtet wurden. Wie auch der unabreißbare Turm auf dem Zweibrücker Kreuzberg und ein kleiner Teil des Westwalls ist, wie auch die Atombunker im Pfälzer Wald aus dem Kalten Krieg nur ein kleiner Teil einer ausufernden militärischen Exzessmaschine ist.

Angst
Angst und Hass
Hass
Hass und …

… ich muss aufhören mit diesem Herumgegomringere. Es führt zu nur zu Verdruss. Gegen Nachmittag radele ich über die Landstraße ostwärts, vom Wind getrieben, zwanzig, dreißig Sachen ohne große Mühe. Zum Glück! Denn die Tagesetappe hat es mit fast hundert Kilometern echt in sich. Das keine Gepäck und der Rückenwind am Ende machen es aber erträglich. Ich passiere La Rochelle ohne Stadtbesichtigung. Im Prinzip ist es wie mit Zaragossa, denke ich: irgendwann im hohen Alter kann ich ja als Städtetourist zurückkommen und über die Bunkeranlagen nachdenken, die meine vorher gelebt habenden Mitmenschen weltweit durch ihre Steuern finanziert haben, ohne dass es ihnen bewusst gewesen wäre.

Nunja, genausowenig eigentlich, wie es mir jetzt bewusst ist, was ich alles an Destruktion auf diesem Planeten finanziere.

Sei es nur der abendliche Supermarkteinkauf mit 8,63 Euro für ein Stück Käse und eine Flasche Wein. Anteilig tröpfelt meine Mehrwertsteuer in die Kasse des französischen Staats, der sich dafür eine Schraube fürs Cockpit einer Mirage leisten kann.