Hässlicher, brutaler Tanz hinein in die Agglomeration | #radlantix

Sagen wir es einmal so: Die D 137 zwischen Rochefort und La Rochelle ist kein Zuckerschlecken. Vierspurig, ziemlich geschäftig, nur unzureichend baulich getrennt vom Radweg. Radeln in Abgasen und Lärm. Schon am Vortag raus aus Rochefort bis zu meinem persönlichen kleinen, vertikalen Waterloo ‚durfte‘ ich den Geschmack der Hauptstraße testen. Die Vélodyssée-Route führte einige Kilometer weit direkt neben dieser departementalen Küstenautobahn.

Auch auf der gestrigen Strecke Richtung La Rochelle begegnete ich immer wieder diesem lauten, stinkenden Gesicht der Vélodyssée, überquerte die Straße mehrfach, wand mich mit ihr in äskulapischer Manier; oder, fast möchte ich sagen, es war wie Tanz. Hässlicher, brutaler Tanz hinein in die Agglomeration, ach was, eigentlich bin ich schon seit Rochefort mittendrin in dem Ballungsraum.  Im Rückblick gerät mein Ausflug aufs Zünglein im Meer beim Fort Énet fast zum Erholungsurlaub.

In La Rochelle wird man mit faszinierender Architektur entschädigt, mit Hafenflair und in den Seitenstraßen der Vororte gerät die Radroute denn doch zu so etwas Ähnlichem wie einem so-sollte-es-sein-Fahrradweg. La Rochelle ist übrigens eine Hansestadt, verstädtepartnert mit Lübeck. Holstentor. Schon wieder! (Notiz: siehe ein zwei Beiträge zuvor, Lubec-Assoziation; welch seltsame Zufälle der Wikitourerei … mach was draus).

Ich bin total erschöpft am gestrigen Tag, angeschlagen von der durchwirkten Nacht, von der Nah-Hummer-Begegnung vorm Fort, vom olfaktorisch recht ungünstigen Gauloise-Caporal-Morgengruß der beiden Wartenden in der Bushaltestelle. Bushaltestellen sind sowieso der letzte Ort, an denen man nach Schlafplätzen suchen sollte, so als umherirrender Europenner. Bushaltestellen und die Einkaufswagen-Kabinen innerstädtischer Supermärkte auf abgesperrten Parkplätzen in Norditalien. Und der Windfang von Angelshops in kleinen Städten an Islands Ostküste. Und Vogelbeobachtungstürme in Lappland. Und und und.

Raus aus La Rochelle. Mein Plan ist, abseits des Strands einen bezahlbaren Campingplatz zu finden und mich für zwei Tage einzuquartieren; ggf. als normaler Stadttourist zurückzukehren und mir die 75.000 Seelen Stadt anzuschauen. Fellpflege mal wieder. Duschen. Rasieren. Rumhängen. Nichtstun. Vielleicht das Buch zu Ende lesen, das ich schon seit Spanien mit mir schleppe: Panic. Die Heldin bricht auf zur Jagd auf den Jäger, der die Jagenden jagt. Ein merkwürdiges Buch, das isoliert in einem Forstrevier im Norden der USA spielt. Dort kommt man nur per Flugzeug hin und es gibt keinen Kontakt zur Außenwelt …

… der Ruhebedürftige bettet sich zur Ruhe, um sich von der Erholung, die eine Fahrradreise für gewöhnlich mit sich bringen sollte, es aber nicht tut, zu erholen. Nun vor dem Zelt sitzend auf einer Picknick-Bank. Dies schreibend. Ein merkwürdiges Buch, das isoliert in einer momentan nicht zugänglichen, von Pandemie und Ausgangsbeschränkungen restriktierten Welt spielt. (Irgendlink-Blog).

Kaffee kochend, Marmeladenbaguette essend. Der Platz ist um die frühe Jahreszeit noch relativ leer. Scheint übrigens explizit die Tourenradelnden der Vélodyssée anzusprechen. Anders kann ich mir die hohe Picknick-Bank-Dichte nicht erklären. Und auch nicht die Tatsache, dass es den ‚Kundentyp‘ solo reisender Radler gibt, der in den kosmodämonischen Computersystemen der großen, sogenannten Familiencampings überhaupt nicht vorgesehen ist. Hier bin ich ich, hier kann ich sein.

Ich sollte La Rochelle besuchen. War da nicht der Uboot-Hafen in dem Kriegsschinken ‚Das Boot‘?

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